Karl von Habsburg: “Die Katastrophe von 1914 sollte Europa für immer eine Warnung sein”

Mein Interview mit dem Enkel des letzten Kaisers von Österreich-Ungarn und heutigen  Präsidenten der Paneuropa-Union Österreich, Karl von Habsburg  erschien in SUPERillu 32/2016. Foto: Uwe Tölle, SUPERillu. 

Als sein Großvater Karl I.  1916 den Thron bestieg, waren die heutigen Länder Österreich, Un­­garn, Kroatien, Slowenien, die Slowakei und Tschechien noch ein Land, k. u. k. Österreich-Ungarn, zu dem auch noch Teile des heutigen Polens, der Ukraine und Rumäniens gehörten. Der Enkel des letzten Kaisers und Königs von Österreich-Ungarn, Karl von Habsburg, 55, ist Me­­dienunternehmer, betreibt ei­­nige Radiosender in Mittel- und Osteuropa, ist daneben auch humanitär und politisch engagiert – unter anderem in der Paneuropa-Union. Diese wurde 1922 gegründet und hat sich auf die Fahnen geschrieben, das ­völkerverbindende Erbe der ­einstigen Länder von Öster­reich-Ungarn zu erhalten. SUPERillu-Politikchef Gerald Praschl sprach mit ihm über die Krise Europas.

Herr von Habsburg, ist die EU am Ende? Wie groß ist die Gefahr, dass die ­Europäische Union zerbricht? 
Ich hoffe, dass die politischen Akteure in dieser Krise klüger und besonnener agieren als das 1914 der Fall war. Die Kata­strophe von 1914 sollte Europa für immer eine Warnung sein. Wenn man sich die Volks­abstimmung zum ­Brexit ansieht, kann man zweifeln, ob diese Botschaft wirklich ­an­­gekommen ist. Bei der ­Stimmabgabe spielte für viele Wähler das Thema der Ab­­stimmung doch oft gar keine Rolle, da ging es um Gefühle statt um Fakten.

Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass viele mit der EU unzufrieden sind. Warum?
Zum Beispiel, weil viele nationale Politiker es seit vielen Jahren gewohnt sind, Missstände in ihren eigenen Ländern auf die EU zu schieben. Und weil, trotz aller Erfolge, vieles in der EU auch tatsächlich schiefläuft. Das fängt schon bei den Strukturen an: Der Europäische Rat zum Beispiel ist eine Institution, die im 19. Jahrhundert verhaftet ist und in dem die einzelnen nationalen Interessen sich gegenseitig blockieren. Die Euro-Schuldenkrise und die Flüchtlingskrise sind nicht schuld an der Krise der EU. Sie haben nur aufgezeigt, wo ihre Schwachstellen liegen.

… und nicht nur den Brexit, sondern auch einen handfesten Ost-West-Streit in der EU ­ausgelöst. Die östlichen ­EU-Länder Polen, die Slowakei, Ungarn, Kroatien und Österreich etwa haben faktisch auf eigene Faust den Flüchtlingsstrom auf dem Balkan gestoppt, nachdem sich die EU als handlungsunfähig erwies. Ungarns Premier Viktor Orbán wurde dafür von vielen als Mauerbauer und Anti-Euro­päer gescholten …
Das war ungerecht. Ungarn hat sich dabei im Gegenteil genau an den europäischen Schengen-Vertrag gehalten, in dem es sich verpflichtet hat, die EU-Außengrenze zu schützen. Man muss nicht mit allem einverstanden sein, was die ungarische oder auch die polnische Regierung gerade macht, aber die Voraussetzungen für eine westliche Demokratie erfüllen diese Länder zweifellos.

Wo sehen Sie Erfolge der EU?
Die offenen Grenzen und der gemeinsame Markt haben uns viele Chancen und viel Wohlstand gebracht. Auch viele eins­tige nationale Probleme haben sich erledigt, im Baskenland, in Nordirland – oder in Südtirol. Dort flogen früher Bomben. Heute sind die Grenzen zwischen Österreich und Italien offen und faktisch unsichtbar, die Region ist eine der lebenswertesten in ganz Europa. Die Einführung des Euro hat allen Exportbetrieben geholfen, neue Märkte zu erschließen. Die EU-Osterweiterung hat nach dem Fall des Eisernen Vorhangs geholfen, Europa gesellschaftlich und wirtschaftlich wieder zu vereinen. Was Europa naturgemäß zusammenhält, ist, dass wir länger als viele andere Re­­gionen der Welt demokratische Bewegungen hatten, geboren aus den Werten der Aufklärung.  ­Diese Einstellung hat uns auch geholfen, die Sowjetdiktatur zu überwinden. Unabhängig davon ist die europäische Vereinigung auch ein natürlicher Prozess, Europas Antwort auf die Globalisierung. Der traditionelle Na­­tionalstaat kann viele globale Herausforderungen nicht mehr allein bewältigen.

Wie würden Sie die Europäische Union reformieren?
Europa muss europäischer denken und handeln. Wenn wir die Probleme der EU lösen wollen, brauchen wir nicht mehr Nationalstaat, sondern weniger. Und mehr europäisches Denken. Die EU sollte außerdem künftig nicht nur eine politische und wirtschaftliche Union, sondern auch eine starke Sicherheits­gemeinschaft sein. Die Flüchtlingskrise hat aufgezeigt, wo Europas Schwachstellen liegen. Sie hat außerdem wohl erst begonnen und wird sich in den nächsten Jahren noch massiv verschärfen. Das können wir nur lösen, wenn Europa zusammenhält.

SUPERillu-Interview mit Karl von Habsburg in SUPERillu Heft 32/2016
SUPERillu-Interview mit Karl von Habsburg in SUPERillu Heft 32/2016

 

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