Erinnerung an Werner Stiller (1947-2016) – der heute 70 geworden wäre

Noch im Jahr 2002, 13 Jahre nach dem Mauerfall und dem Ende des SED-Regimes war Werner Stiller nicht ganz wohl zumute, als er meinen Anruf aus der einstigen „Hauptstadt der DDR“ bekam. „Ich bin Journalist und würde Sie gerne treffen und darüber schreiben, wie Sie heute leben“, sagte ich ihm. Er überlegte einige Wochen lang, dann bot er tatsächlich einen Termin an. Ein Treffen am bekanntesten und wahrscheinlich auch öffentlichsten Ort der ungarischen Hauptstadt Budapest, der Fischerbastion.

Ich flog hin und tatsächlich, er stand da, und wartete schon. Wir sprachen ein paar Stunden. Und irgendwann beschloss er, mir zu vertrauen. Es wurden zwei interessante Tage, er zeigte mir sein neues Zuhause, eine noble Wohnung mit Blick über die ganze Stadt auf dem Budaer Burgberg, wir gingen mit seiner jungen Freundin Gyöngyi Karpfensuppe essen.  Dann fuhren wir auch noch in sein kleines Landhaus in den Bergen nahe der slowakischen Grenze und kochten uns Kesselgulasch im Garten.

Wir sprachen über viel mehr als das, was ich in der Geschichte über Werner Stiller in SUPERillu, die im August 2002 erschien,  hätte alles schreiben können.  Und wurden Freunde.

Seine Leben ging in die Geschichte der Spionage ein. Als Oberleutnant der DDR-Spionagetruppe HVA unter dem Kommando von Markus Wolf flüchtete er spektakulär in einer kalten Januarnacht des Jahres 1979 durch einen Geheimgang der Stasi im Bahnhof Friedrichstraße in den Westen. Im Gepäck Geheimakten und das Wissen über Dutzende hochrangige DDR-Spione im Westen, die in den Tagen darauf verhaftet wurden, soweit sie es nicht noch schafften, sich rechtzeitig über die Zonengrenze in den Osten abzusetzen. Es war der größte Fall von Verrat in den Reihen der DDR-Staatssicherheit und die größte Niederlage, die DDR-Spionagechef Markus Wolf in seinem Leben erlitt.

Wenn Mielkes Häscher Werner Stiller in dieser Januarnacht 1979 erwischt hätten, in der er mit seinem Wissen und noch einer Handvoll Stasiakten, die er aus dem Tresor in der Normannenstrasse klaute und über den Bahnhof Friedrichstrasse in den Westen floh – dann hätte sein Leben sicher noch im selben Jahr mit Genickschuss in Leipzig geendet. Warum ist er abgehauen? Er fand die Stasi kompliziert, die DDR am Ende, privat seine ungarische Frau anstrengend, seine Geliebte verlockendender. Und vor allem die Freiheit, tun und lassen zu können, was man will, viel besser, weil er den freien Westen kannte.

Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR ließ  bis zum Ende der DDR nichts unversucht, den Verräter im Westen aufzuspüren und sich an ihm zu rächen.   Der US-Geheimdienst CIA stattete Stiller mit einer neuen Identität aus, als Klaus Peter Fischer studierte er in den USA, machte später Karriere als Börsenmakler in New York und London.
Seine ehemaligen Kollegen fanden ihn tatsächlich nicht – aber natürlich begleitete Stiller alias Klaus Peter Fischer stets ein gewisses Maß an Angst und Misstrauen durch sein Leben. Ein weiterer hoher Preis, den er für seine Flucht bezahlte: 11 Jahre lang hatte er keinen Kontakt zu seinen zwei Kindern, die mit ihrer Mutter in der DDR zurückblieben – wohlwissend, dass jeder Kontaktversuch ihn sein Leben kosten könnte. Tochter Edina, geboren 1971, nahm ihm das trotzdem auch als Erwachsene noch übel. „Verratene Kinder“ – heißt ihr Buch, dass sie über ihre Sicht auf die Lebensgeschichte der Familie Stiller schrieb.

Erst langsam und erst viele Jahre nach dem Ende der DDR legte er die Angst davor ab, dass doch noch ein Rächer der Stasi käme. Erst seit dem Erscheinen unseres Artikels in der SUPERillu 2002 lebte er offen – trat auch hin und wieder öffentlich auf.  Er wagte es gar, wenn auch natürlich inkognito, gemeinsam mit mir im November 2006 zur Beerdigung von Markus Wolf zu erscheinen. Nachts war er mit dem Auto aus Budapest nach Berlin gekommen. Um nicht so aufzufallen, parkte er seinen 7er BMW weit weg vom Friedhof in Friedrichsfelde, den letzten Kilometer gingen wir zu Fuß.  Ein wenig Angst kroch schon in ihm hoch,  je näher wir dem Friedhofstor kamen. Davor, dass die einstigen Kollegen, die dort zahlreich versammelt waren, ihn wieder erkennen würden, 27 Jahre später. Als sie die Urne zum Grab tragen, steht auch Werner Stiller schweigend Spalier. Es ist keine Geste des Triumphs, sondern eine des Tributs an seinen einstigen Todfeind. Auch wenn ihm natürlich die Botschaft wichtig ist, dass er ihn überlebt hatte – einige Tage später in meinem Bericht in SUPERillu auch allen seinen ehemaligen Stasi-Kollegen so übermittelt. 

Schon Mitte der 80er Jahre –  noch im Untergrund in den USA lebend – hatte Werner Stiller ein erstes Buch über seine Lebensgeschichte veröffentlicht. Über „Beyond the Wall“, deutscher Titel „Im Zentrum der Spionage“, sagte er selbst, dass es mit Vorbehalt zu lesen sei, weil ihm damals, in der letzten Phase des Kalten Krieges, dabei natürlich auch seine Schutzengel von der CIA die Feder geführt hätten. Das Buch sei in erster Linie im Kontext der psychologischen Kriegsführung zu verstehen.
Frei von allen Fesseln des Kalten Kriegs der Geheimdienste schrieb er 2012 noch eine Biografie, diesmal ausschließlich aus seiner Feder „Der Agent. Mein Leben in drei Geheimdiensten“, erschienen beim Berliner Ch.Links-Verlag – die hiermit zur Lektüre empfohlen sei.

Heute, am 24. August 1947, wäre Werner Stiller 70 Jahre alt geworden. Er starb, bis zu seinem Tod unter seinem Decknamen Klaus Peter Fischer als Geschäftsmann in Budapest lebend, am 20. Dezember 2016.

 

 

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