Die letzten Überlebenden von Stalingrad und ihre Erinnerungen

Im Januar/Februar 2003, als ich diese Interviews machte, war die Schlacht von Stalingrad genau 60 Jahre her. Die Männer, die das Grauen damals  als junge Soldaten überlebten und die ich damals zum Interview traf, waren 80, 88, 90. Sie hatten sich auf einen Aufruf in unserer Zeitschrift Superillu hin gemeldet, in dem ich im Osten Deutschlands, wo es über Jahrzehnte ratsam war, nichts von seinen Erlebnissen bei der „faschistischen Wehrmacht“ zu erzählen, nach Zeitzeugen von Stalingrad suchte.  Fast alle sagte mir, dass sie kaum oder nie über ihre Erlebnisse im Krieg gesprochen hatten. Einige schickten ihre Ehefrauen aus dem Zimmer, fast alle weinten, nach einer Stunde oder zwei, inmitten der Erinnerung.
Lesen Sie hier die Erinnerungen von Max Adler, Falk Patzsch, Erich Burkhardt, Johannes Hellmann und Hellmut Hoffmann.

Informationen zur Schlacht von Stalingrad, die es erleichtern, diese bewegenden Zeitzeugenberichte einzuordnen, finden Sie hier.

Bewegende Briefe eines Stalingrad-Soldaten, Helmut Horstmann, der nie zurückkehrte, lesen Sie hier. 

Soldat Max Adler aus Schköna: „Mein Fotoalbum half mir, die schrecklichen Erlebnisse im Krieg zu verkraften“

Mit Sturmgepäck und Kamera Max Adler schoss als Soldat im Zweiten Weltkrieg zwischen 1941 und 1945 viele Fotos vom Alltag an der Front. Fünf Jahre, von 1940 bis 1945, war Max Adler (heute 80) als Soldat im Krieg. Auch in Stalingrad. Dort wurde er verwundet ausgeflogen. Seine Kamera hatte er immer dabei. Die Fotos schickte er per Feldpost nach Hause. Dass er sein Heimatdorf Schköna je wiedersehen würde, glaubte er nicht. Seine Brüder Otto und Ernst starben. Er überlebte, landete 1945 in einem französischen Lager.

Seine heutige Frau Elfriede erinnert sich: „Es war im März 1946. Wir hatten schon zwei Jahre nichts mehr von ihm gehört. Da kam er zu Fuß bei herrlichstem Sonnenschein über die Wiesen. Ausgezehrt und abgemagert, aber am Leben. Was für ein Wunder!“
Max und Elfriede Adler heirateten. Sie bekamen Kinder, bauten sich ein neues, bescheidenes Leben auf. 37 Jahre lang arbeitete Max Adler in der Elektroschmelze Zschornewitz im Bitterfelder Revier. Das Album mit seinen Fotos vom Krieg hütet er als Familienschatz, illustrierte es mit kunstvollen Zeichnungen. „Das half mir, die schrecklichen Erlebnisse im Krieg zu verkraften“, sagt er.

Melder Erich Burkhardt  aus Oelsnitz: „Ich sah die Kameraden verdursten“.

Vom ersten Tag an musste Erich Burkhardt  im Zweiten Weltkrieg kämpfen. Bei Kriegsausbruch im September 1939 wurde der damals 20-jährige Maschinenschlosser aus Oelsnitz eingezogen. Erst kämpfte er in Frankreich. Im Sommer 1941 kam er an die Ostfront, nach Russland. Erich Burkhardt: „Seit Frühsommer 1942 marschierten wir mit der »6. Armee« der Wehrmacht vom Donezk-Becken aus Richtung Stalingrad. Am 24. August setzten wir unter vielen Verlusten bei Kalatsch über den Don. Je weiter wir an die Stadt herankamen, desto härter wurde der Widerstand. Weil ich als einer der wenigen einen Führerschein hatte, war ich mit dem Wagen des Kommandeurs als Melder im Einsatz. Bis kein Benzin mehr da war. Von da an war ich zu Fuß unterwegs. Unsere Division kämpfte im Süden von Stalingrad. Als wir Mitte November 1942 erfuhren, dass wir von den Russen eingekesselt sind, haben wir erst noch gelacht. Doch bald mussten wir erkennen, dass die Lage ernst ist. Bis Weihnachten hatten wir alle Hoffnung verloren, noch herauszukommen. Am 8. Januar warfen die Russen Flugblätter ab. Da stand sinngemäß drauf: Gebt auf! Euch erwartet in der Gefangenschaft Essen, eine gute Unterkunft, schöne Frauen und eine baldige Heimkehr. Doch der Chef der 6. Armee, Paulus, befahl uns, bis zuletzt weiterzukämpfen. Wir dachten auch gar nicht daran überzulaufen. Denn wir fürchteten die Gefangenschaft mehr als die Hölle im Kessel.
Jeden Tag starben Tausende Kameraden. Das war kein heroisches Sterben für Führer, Volk und Vaterland. Die sind elendlich krepiert. Wir hatten dabei noch Glück, denn wir lagen in den schützenden Ruinen der Stadt. Am ärmsten waren die dran, die draußen in der eiskalten Steppe ausharren mussten. Ich sah selbst, wie sich viele von ihnen mit erfrorenen Beinen auf Knien vorwärts schleppten, um bei uns in der Stadt Schutz zu suchen. Wer verwundet wurde, blieb einfach liegen. Keiner kümmerte sich mehr darum. Die schrien so lange, bis sie verblutet waren.
Einige Kameraden begingen kurz vor Schluss Selbstmord. Unser Divisions-Kommandeur, General von Hartmann, stellte sich ganz offen auf den Bahndamm und wartete auf die Todeskugel. Am 31. Januar 1943 standen die Russen vor unserem Keller. Wir warfen die Waffen weg. Sie führten uns hinaus auf den Roten Platz im Zentrum von Stalingrad. Dort sah ich, wie die Russen Generalfeldmarschall Paulus abtransportierten. Der Mann, der uns befahl, bis zuletzt zu kämpfen, hatte sich selbst einfach so ergeben.
Was ich dann erleben musste, war schlimmer als der Kessel. Die Russen verluden uns in einen Zug, je 100 Mann pro Vieh-Waggon. Sie gaben uns kaum zu essen. Und was noch schlimmer war: nichts zu trinken! Durch die Ritzen in der Wand des Waggons, der durch Russland ratterte, mussten wir mit ansehen, wie draußen Dampfloks mit Wasser aufgefüllt wurden. Und wir waren dabei, jämmerlich zu verdursten! Das Sterben begann. Wir warfen die Toten auf einen Haufen in der Mitte des Waggons. Bald hatte keiner mehr Kraft, ihre Körper zu bewegen. So mussten sich die Sterbenden selbst auf den Haufen schleppen. Die untersten Körper begannen schon zu verwesen. Als sich nach 22 Tagen in Usbekistan die Türen öffneten, waren in unserem Waggon noch 6 Mann am Leben, 94 tot. In manchen Waggons hatte keiner überlebt.
In dem Gefangenenlager gab es kaum zu essen, Malaria, Ruhr und Fleckfieber grassierten. Von Februar bis Mai 1943 starben von den 6 000 Überlebenden der Todeszüge alle bis auf 1 200 Mann. Mitte Mai verlegte man mich in ein Arbeitslager an den Ural. Auch dort gab es nur schwere Arbeit und kaum Essen. Am Schluss wog ich noch 44 Kilo. Im August 1945 hatte ich das eine Mal Glück. Eine Lagerärztin bescheinigte mir, dass ich wegen Unterernährung arbeitsunfähig sei. Ich durfte nach Hause.
Daheim in Sachsen wurde mir schnell klar, dass ich über meine Erlebnisse in den Sowjetlagern besser schweigen sollte. Die Gräuel in den Lagern waren in der DDR ein Tabu-Thema. Erst nach 1990 konnte ich offen darüber reden. Ich fahre seitdem zu Treffen ehemaliger Stalingrad-Soldaten. Dort sind auch russische Veteranen eingeladen. Als junge Männer wurden wir aufeinander gehetzt und mussten uns gegenseitig umbringen. Heute begegnen wir uns wie Freunde und Leidensgenossen.
Die Todeszüge nach Usbekistan, von denen Erich Burkhardt berichtet, waren einer der schlimmsten bekannten Exzesse gegen deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion. Tausende Männer starben dabei. Es gibt aber auch Kriegsgefangene, die von guter Behandlung berichten. Von 3,3 Millionen deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion kehrten 1,3 Millionen nicht zurück.

Artillerist Falk Patzsch aus Königstein: „Wir hatten keine Hoffnung mehr“

Seine Hände zittern schon nach den ersten Sätzen. Falk Patzsch, geboren 1922 im sächsischen Königstein, heute Rentner in Weißwasser, ist ein Gefangener seiner schrecklichen Erinnerung. Seine Frau Ella (74) hält ihm die Hand, um ihn zu beruhigen. Dann setzt er erneut an, um die Geschichte seiner zerstörten Jugend zu erzählen. Eine Geschichte voller Wahnsinn, Krieg und Zerstörung. Falk Patzsch: „Ich wuchs in sehr elenden Verhältnissen auf. Meine Mutter ist früh gestorben. Mein Vater kümmerte sich überhaupt nicht um mich und meine Schwester. Oft bekamen wir nicht einmal etwas zu essen. Die letzten Jahre lebten wir im Heim. Die Nazis? Bei der Hitlerjugend verbrachte ich damals einen großen Teil der wenigen schönen Stunden in meiner harten Jugend. So stand ich den Parolen dieser Rattenfänger leider unkritisch gegenüber. In meinem späteren Leben, unter den Kommunisten, war mir das eine Lehre. Noch einmal wollte ich nicht betrogen werden. Mit 18 Jahren wurde ich 1940 eingezogen, kam als Artillerist in das schon seit 1939 von Deutschland besetzte Polen. Uns war klar, dass es bald gegen die Russen ginge. Am 22. Juni 1941 kam der Angriffsbefehl. Wir marschierten bis kurz vor Moskau. Dann kam der schreckliche russische Winter. Meine Kameraden erfroren in ihren Sommersachen zu Tausenden. Im Frühjahr 1942 versank dann alles im Schlamm. Wochenlang war unsere Division eingekesselt, die Russen schossen von allen Seiten. Jeder kämpfte nur noch für sich und sein Leben, Kameradschaft gab es nicht mehr. Mir erfroren Ohren und die Zehen. Den Glauben an den Führer oder gar einen Sieg hatten wir da längst verloren. Im Frühsommer 1942 schickten sie uns auf den Marsch Richtung Stalingrad. Je weiter wir vorstießen, desto erbitterter wurde der Widerstand der Russen. Und desto schlechter der Nachschub. Wir hatten kaum noch zu essen, immer weniger Munition. Als wir in Stalingrad ankamen, waren wir völlig kraftlos und abgemagert. Auf der Suche nach Essen durchwühlten wir die Taschen der Toten.
Dann begann die Schlacht in der Stadt. Vor uns die Russen, die ums Überleben kämpften. Und hinter uns ein anderer schlimmer Feind: unsere eigenen Leute! Sie erschossen jeden, der es wagte, sich zurückzuziehen. Hunderte Kameraden wurde so wegen »Feigheit vor dem Feind« an die Wand gestellt. Ich müsste lügen, zu behaupten, dass mich in dieser Situation interessiert hätte, dass auf der anderen Seite genauso arme Schweine wie wir kämpften. Unser Schicksal war es eben, uns gegenseitig umzubringen. Einmal stand ich einem Russen ganz nah gegenüber. Für eine Sekunde blickte ich in seine Augen. Dann riß ich die Pistole hoch und er im selben Moment seine MPi. Ich war schneller.
Wir Frontsoldaten redeten offen über unsere Verzweiflung. Ansonsten musste man sehr vorsichtig sein, die Wahrheit auszusprechen. In einem Brief, den ich meinem Vater Otto mit der Feldpost nach Königstein schickte, schilderte ich ihm unsere ausweglose Lage und schrieb: „Ich habe keine Hoffnung mehr, die Heimat wiederzusehen.“ Das hätte ich besser nicht getan. Mein Vater war ein so verbohrter Nazi, dass er den Brief postwendend an meinen Kommandeur an die Front weiterschickte und mich bei ihm wegen »Wehrkraftzersetzung« anzeigte. Darauf stand der Tod. Doch mein Kommandeur war Gott sei Dank ein ordentlicher Mensch. Er rief mich zu sich, sagte mir: „Patzsch, dafür müsste ich Sie eigentlich erschießen lassen.“ Dann gab er den Brief seinem Adjudanten. Der legte ihn auf einen eisernen Rost und zündete ihn an. Schweigend sahen wir zu, wie das Papier verbrannte.
Anfang Oktober 1942 wurde ich beim Kampf um ein Fabrikgelände in Stalingrad im Bombenhagel getroffen. Der Einschlag brach mir viele Knochen, Granatsplitter schlugen in meinen Bauch, mein Schädel wurde gequetscht. Ich verlor das Bewusstsein. Ich muss wohl tagelang verschüttet unter Trümmern gelegen haben. Es kam mir wie ein Wunder vor, als ich Wochen später in einem Militärkrankenhaus im polnischen Litzmannstadt (Lodz) wieder aufwachte. Per Flugzeug war ich ausgeflogen
Wegen meiner schwerenVerwundung wurde ich ausgemustert. Weil ich mit meinem Nazi-Vater nichts mehr zu tun haben wollte, zog ich zu einer befreundeten Familie ins schlesische Namislau, die mich wie ihren Sohn aufnahm. Mit viel Glück überlebte ich dort auch den Einmarsch der Russen 1945. In Weißwasser fand ich eine neue Heimat. Durch die Kriegsverletzungen bin ich Invalide, leide auch heute noch an epileptischen Anfällen. Ich würde für niemanden mehr ein Gewehr anfassen. Hitler und Stalin, Ribbentrop und Molotow, diese Verbrecher, machten Krieg, und wir einfachen Leute mussten es ausbaden.“
Aufgrund seiner schweren Verwundung wurde Falk Patzsch zum Invaliden. Noch 60 Jahre nach der Schlacht um Stalingrad plagen ihn epileptische Anfälle und Albträume, außerdem wurde er durch eine Bombenexplosion schwerhörig. Er lebt als Rentner in Weißwasser (2003).

Funker Rolf Keller aus Dresden: „Ich flog jeden Tag in die Hölle“

Auf dem alten Foto steht der Funker Rolf Keller stolz neben dem Leitwerk einer Focke-Wulf FW 200. Dem Flugzeug, in dem er als Soldat den ganzen Krieg über eingesetzt war.Wenn Rolf Keller (82) das Foto heute sieht, dann ist von Stolz keine Spur. „Es war eine furchtbare Zeit, ich bin froh, dass ich das überlebt habe.“
An Bord der Focke-Wulf sah Rolf Keller das Grauen. Mehr als 30 Mal flog er mit einem weiteren Funker und zwei Piloten im Januar 1943,vor genau 60 Jahren,mit der Maschine in den Kessel von Stalingrad. Ihr Auftrag: den in der Stadt von den Sowjets belagerten deutschen Truppen Nachschub zu bringen. Keller und seine Kameraden waren eigentlich seit Kriegsanfang in Norwegen stationiert. Von dort aus flogen sie mit ihren Focke-Wulf-Maschinen Langstrecken über den Atlantik, als Aufklärer, gelegentlich griffen sie feindliche Schiffe an. Die Focke- Wulf galt damals als Wunder der Technik. 20 Stunden konnte sie in der Luft bleiben. Nun sollten Keller und seine Kameraden an die Ostfront. Und dort helfen,die 260000 in Stalingrad eingekesselten deutschen Soldaten aus der Luft zu versorgen.
Bereits seit 22.November wurde die 6.Armee der deutschen Wehrmacht unter General Friedrich Paulus von der Roten Armee belagert. Täglich wurde die Situation aussichtsloser. Doch statt einen Versuch zu wagen, auszubrechen und sich zu retten, mussten Paulus und seine Männer auf Befehl Hitlers aushalten. »Reichsluftfahrtminister« Hermann Göring hatte ihnen dafür versprochen, sie mit täglich 600 Tonnen Lebensmitteln aus der Luft zu versorgen. Völlig unrealistisch, wie sich bald herausstellte.Die Flieger schafften kaum mehr als 100 Tonnen am Tag.
Im Kessel begann das große Sterben. Hunger und Seuchen breiteten sich aus. Als letzte Hoffnung wurde Kellers Einheit mit 18 Flugzeugen aus Norwegen Richtung Osten versetzt. Vom 9. Januar 1943 an flogen sie in den Todeskessel, der sich immer enger zog. Sie brachten 36 Tonnen Versorgungsgut hinein. Und holten 156 Verwundete heraus. Es waren die letzten Wochen der Tragödie von Stalingrad. Inzwischen starben im Kessel täglich 1000 Mann.Die meisten nicht durch tödliche Kugeln,sondern durch Hunger. 40000 Verwundete konnten nicht mehr versorgt werden, erduldeten in Kellern ihre wahnsinnigen Schmerzen.
Auf dem Rollfeld in Pitomnik, wo Kellers Flugzeug landete, spielten sich apokalyptische Szenen ab. In den Gräben entlang des Rollfelds lagen zahllose Verwundete, die noch auf einen Platz in einem der Flugzeuge und damit auf Rettung hofften. Keller: »Nur Schwerstverletzte und Spezialisten erhielten noch die Genehmigung, den Kessel zu verlassen. Alle anderen waren dem Tod geweiht.« Auch Kellers Einheit zahlte beim Einsatz in Stalingrad einen furchtbaren Blutzoll. Binnen weniger Wochen wurde die Hälfte der 18 Focke- Wulf-Maschinen abgeschossen. Die Besatzungen kamen ums Leben. Kellers eigenes Flugzeug wurde am 29. Januar 1943 bei einem Bombenangriff am Boden schwer beschädigt. Den letzten, völlig sinnlosen Einsatzbefehl bekam Kellers Einheit am 31. Januar, dem Tag, an dem General Paulus in Gefangenschaft ging. Noch einmal sollte eine Focke-Wulf über dem Stadtzentrum Lebensmittel und Munition abwerfen.Kellers Kameraden kamen nicht zurück.Sie wurden abgeschossen.
Rolf Keller überlebte die Schlacht von Stalingrad. 1945 geriet er in Frankreich in Kriegsgefangenschaft.Er war 25 und hatte noch nichts anderes gesehen als Trümmer,Tod und Verderben. Sechs Jahre als Soldat im Krieg.Rolf Keller: »Ich beneide die jungen Leute, die heute so unbeschwert ihre Jugend genießen können. Ich war in dieser Zeit in der Hölle des Krieges.« Auch in der Hölle von Stalingrad.

Panzerfahrer Johannes Hellmann aus Dessau: „Das Leid quält mich bis heute“. 

Johannes Hellmann (78) sprach über die furchtbaren Erinnerungen an Stalingrad jahrzehntelange überhaupt nicht. Wie so viele, die dabei waren, verdrängte er das Unfassbare, das er miterleben musste. „Nicht einmal mit meiner Frau und meiner Tochter konnte ich darüber sprechen. Ich wollte nicht daran erinnert werden. Nur in seinen schlimmsten Träumen bleibt dasSchreckliche lebendig. Auch noch nach 60 Jahren. „Dieses Leid quält mich heute fast mehr als damals“, sagt er dem SUPERillu-Reporter. Kaum hat er angefangen zu erzählen, brechen Tränen aus ihm heraus, er schluchzt bitterlich. Die Hölle von Stalingrad lässt ihn nicht los.
Johannes Hellmann, geboren 1924, wuchs in Dessau auf. Seine Eltern hatten ein Schuhgeschäft. Mit 15 begann er eine Lehre als Schaufensterdekorateur. Dann holte ihn der Krieg ein. Kurz nach seinem 18. Geburtstag, im Februar 1942, wurde er eingezogen. Nach der Ausbildung zum Panzerjäger kam er im Frühsommer 1942 an die Front. Hier seine Erzählung: „Wir marschierten vom Donezk-Becken in Richtung Stalingrad. Quer durch die ausgedörrte Kalmückensteppe. Dort hat es im Sommer 60 Grad, nur Sand und Gras. Anfang August erreichten wir Stalingrad. Erst wurde die Stadt zusammengeschossen. Dann rückten wir ein. Meine Einheit machte in einem Vorort Halt. Wir bauten uns aus Trümmern Unterstände.
Bis zum 18. November war es noch sehr warm. Wir trugen Sommersachen. Am nächsten Morgen lag die Steppe unter einem Eismeer. 20 Grad unter Null. Wir froren wie die Hunde. Unsere Mäntel waren noch beim Tross hinter der Front. Wir sahen sie nie wieder. Denn am selben Morgen begann der Angriff. Eine Million Russen stürmten unsere Linien. Sie schossen aus allen Rohren, Flak, Stalinorgeln, Kanonen. Über Funk hörten  wir, dass sie hinter uns durchgebrochen waren. Sie hatten uns eingekesselt.
Gefangen in der Todes-Falle. Unsere Munition reichte nur für einige Tage. Und es wurde immer kälter, zuletzt 45 Grad unter Null. Ich fand einen toten Russen. Dem zog ich Stiefel und Pelzjacke aus. Nach 14 Tagen bekamen wir nur noch Wassersuppe und ein kleines Stück Kommissbrot pro Tag. Fast täglich griffen die Russen an. Überall lagen Tote, eigene Kameraden und Russen. Den Kopf zerschmettert, die Beine ab, einer hatte einen Treffer im Bauch, dem hingen die Gedärme heraus. Um nicht zu verhungern, aßen wir das faule Fleisch verendeter Pferde. Ich bekam Durchfall, die Ruhr. Und das „Wolhynische Fieber“, von Läusen übertragen. Wir hatten keine Hoffnung mehr, lebend rauszukommen. Es ging nur noch darum, die nächste Stunde zu überstehen. Nachts hörten wir die Lautsprecher der Russen, die uns aufforderten, uns zu ergeben. Aber für uns galt auch die Kriegsgefangenschaft als sicherer Tod.
Unser Treibstoff ging zur Neige. Als die Tanks leer waren, sprengten wir die Panzer in die Luft, damit sie nicht den Russen in die Hände fielen. Die letzten Wochen kämpften wir als Infanteristen in den Ruinen. Am Neujahrstag 1943 wurde ich unten an der Wolga durch eine Granate am Bein verwundet. Das rettete mein Leben. Zwei Tage später flog man mich aus. Im Fieberwahn bekam ich kaum etwas mit. Nur, wie das Flugzeug sich senkrecht in die Luft schraubte. In Rostow am Don wurde ich mit unzähligen Verwundeten in Viehwaggons verladen. Drei Wochen fuhren wir gen Westen. Bei jedem Halt luden sie Tote aus. Die Schwerstverletzten starben wie die Fliegen.
Nach vier Monaten Genesung musste ich wieder nach Russland. Kurz vor Kriegsende erneut verwundet, brachte man mich in ein Lazarett nach Gelsenkirchen. Dort nahm mich die britische Armee gefangen. Zweieinhalb Jahre musste ich in einem Bergwerk arbeiten. Ende 1947 durfte ich nach Hause. Dessau war zerstört, meine Eltern umgekommen. Auch fast alle Freunde – tot. Ich war 24 Jahre alt. Meine schönste Jugendzeit hatte ich in Russland an der Front verbracht. Das habe ich am meisten verflucht.“
Johannes Hellmann ging 1950 mit seiner Frau in den Westen. Er arbeitete dort als Schaufenster-Dekorateur, zog als Rentner ins niedersächsische Dannenberg.

Hellmut Hoffmann aus Görlitz: „Mütterchen Russland, ich fühle große Schuld“

Den hölzernen Koffer, mit dem er aus Russland heimkam, hütet Hellmut Hoffmann (92) noch heute. Damals, am 3. November 1949, warteten seine Frau Hildegard und seine Tochter Bärbel auf ihn. Heimkehr eines Totgeglaubten. Hellmut und Hildegard Hoffmann heirateten kurz vor Kriegsausbruch 1939.Auf ihrem Hochzeitsfoto trägt Hoffmann schon eine Uniform: die des »Reichsarbeitsdienstes«. Auf dem Abzug davon, der in seinem Wohnzimmer hängt, ist das Hakenkreuz mit dickem schwarzen Stift übermalt. Im Krieg, in der Hölle von Stalingrad, hat er das wahre Gesicht der Nazi-Diktatur kennen gelernt. Hellmut Hoffmann: „Die Worte dieses Großmauls Göring klingen mir noch in den Ohren. Am 30. Januar 1943, als wir in Stalingrad im Dreck lagen, tönte er im Rundfunk, noch in tausend Jahren würde jeder Deutsche mit heiligem Schauer von diesem Kampf sprechen. Das war nun wirklich der Gipfel der Heuchelei. Stalingrad – das war kein Heldenkampf. Das war gemeiner Völkermord! Und keiner, der überlebte, wird sich als Held fühlen.“
Seit 1940 Soldat, kämpfte Hoffmann als Funker und Fahrer der Dresdner »14. Panzerdivision«. Mit 260 000 anderen deutschen Soldaten wurde er im November 1942 in Stalingrad von den Sowjets eingekesselt. Hoffmann: „Vieles, was ich dann erleben musste, kann man mit Worten kaum beschreiben. Die entsetzlichen Qualen der Verwundeten, die jungen Leute, die sich vor lauter Erfrierungen kaum noch bewegen konnten. Verraten und verkauft vom »Großen Führer«, ergaben sie sich vor meinen Augen ihrem Schicksal. Das war kein Sterben, das war elendes Verrecken. Der erlösende Tod kam dann nachts bei 40 Grad Kälte. Wenn nicht vorher russische Soldaten sie erschossen oder russische Panzer sie zerquetscht hatten.“
Hoffmann: „Die letzten Nächte verkrochen wir uns in einemKeller. Ans Kämpfen dachten wir nicht mehr. Die meisten hatten nicht malmehr eine Waffe. Ein Oberleutnant fragte mich: Na, Hoffmann, schießen wir uns selbst eine Kugel in den Kopf? Doch ich wollte überleben. Dachte an meine Frau Hildegard und unsere kleine Tochter Bärbel. Als am 30. Januar 1943 die Schießereien immer näher kamen, fasste ich den Entschluss und bin raus aus dem Keller. Mit erhobenen Händen gingen wir den Russen entgegen.“
Wie Hellmut Hoffmann ergaben sich im Januar 1943 zwischen 90 000 und 130 000 deutsche Soldaten in Stalingrad den Sowjets. Nur 6 000 überlebten. Hoffmann: „Schon der Marsch ins erste Gefangenenlager nach Beketowka kostete viele das Leben. Wer nicht mehr laufen konnte, mit dem machten sie kurzen Prozess. Im Lager selbst gab es kaum zu essen, dafür Ruhr und Fleckfieber. Täglich starben Hunderte. Erst später besserten sich die Verhältnisse. Ich nehme das den Russen aber nicht übel. Sie mussten selbst hungern. Ich habe sie als freundliche und liebenswerte Menschen kennen gelernt. Sie haben durch den Krieg und das Leben unter Stalin so schwer gelitten.“ Hoffmann verbrachte fast sieben Jahre im Arbeitslager. Er arbeitete dort als Schreiber, was ihm Vergünstigungen einbrachte. Hoffmann: „Was mich vorwärts trieb, war nur ein Gedanke: Ich wollte zu meiner Frau und meiner Tochter heimkehren.“ Als einer der wenigen »Stalingrader« hatte Hellmut Hoffmann dieses Glück. Am 3. November 1949 fiel er seinen Lieben auf dem Bahnsteig von Bad Schandau in die Arme.
Seit 1952 betrieb Hoffmann einen Kurzwaren-Laden im sächsischen Sebnitz. 1992 ging er in Rente, zog zu seiner Tochter nach Görlitz. Für seine Enkel hat er seine Erlebnisse nun zu Papier gebracht. „Damit sie lesen können, wie schwer wir für die Verbrechen von Demagogen und Scharlatanen büßen mussten.“ Auch ein Gedicht hat er dazu verfasst:

„Mütterchen Russland! Ich habe dich kennen gelernt und erlebt.
Aber es war Krieg und die Schönheiten deines Landes sahen wir nur im Vorbeifahren.
Missbraucht von Demagogen wurde die deutsche Jugend zum Werkzeug.
Ich beuge mich tief zu deiner Erde, denn ich fühle große Schuld.
Ich bereue zutiefst, was dir durch uns deutsche Soldaten angetan wurde.
Ein Einzelner kann die ganze Schuld nicht auf sich nehmen.
Aber eine Teilschuld lastet auf jedem von uns.“

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