define('DISALLOW_FILE_EDIT', true);
define('DISALLOW_FILE_MODS', true);{"id":1118,"date":"2008-10-16T22:42:34","date_gmt":"2008-10-16T20:42:34","guid":{"rendered":"http:\/\/geraldpraschl.de\/?p=1118"},"modified":"2016-05-16T22:42:50","modified_gmt":"2016-05-16T20:42:50","slug":"kuba-2008-fidel-frust-und-flucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geraldpraschl.de\/?p=1118","title":{"rendered":"Kuba 2008 &#8211; Fidel. Frust. Und Flucht."},"content":{"rendered":"<p>erschienen in SUPERillu Heft 34\/2008.<\/p>\n<p>Dem normalen deutschen Urlauber scheint Kuba wie ein kleines Paradies. Und das zum Schn\u00e4ppchenpreis. 14 Tage unter Palmen im Badeort Varadero einschlie\u00dflich Flug und\u00bball inklusive\u00ab gibt es ab 1164 Euro pro Person. Das von der Au\u00dfenwelt weitgehend abgeriegelte Ferienressort hat einen herrlichen Strand, saubere Stra\u00dfen, sch\u00f6ne Restaurants und viele Shopping-M\u00f6glichkeiten. Dank totaler \u00dcberwachung gibt es hier auch kaum ein Problem mit Taschendieben oder Nepp am Stra\u00dfenrand. Unter den ungef\u00e4hr 200 deutschen Touristen, die an diesem Freitag mit einer Direktmaschine aus Deutschland hier landen, falle ich gl\u00fccklicherweise erst einmal nicht auf.<\/p>\n<p>Weil die kubanische Stasi westliche Journalisten entweder gar nicht ins Land l\u00e4sst oder dort extrem \u00fcberwacht, reise ich als Tourist. Ich und mein Kollege, der Superillu-Fotograf Nikola Kuzmanic haben nur zwei kleine unauff\u00e4llige Fotoaparate dabei. Visitenkarten, Presseausweise und mein Adressbuch blieben auch daheim. Nur ein paar Telefonnummern habe ich auf Zettel notiert, und im Gep\u00e4ck versteckt: von der deutschen Botschaft \u2013 f\u00fcr den Fall, dass wir Probleme mit den \u00bbGenossen \u00ab von der kubanischen \u00bbSicherheit \u00ab bekommen. Und von einigen Kontaktleuten, die uns ein paar Tage \u00fcber die Insel begleiten k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Ich muss vorsichtig sein. Nicht, weil ich selbst Angst vor der kubanischen Stasi h\u00e4tte. Mein westlicher Pass sch\u00fctzt mich. Mehr als uns ein paar Stunden festhalten, k\u00f6nnen sie nicht. Oder mich des Landes verweisen, wie das im Jahr 2005 dem s\u00e4chsischen CDU-Politiker Arnold Vaatz passiert ist, als der sich mit kubanischen Oppositionellen treffen wollte. Aber meine Gespr\u00e4chspartner und Dolmetscher auf Kuba sind durch mich in Gefahr: Zusammenarbeit mit ausl\u00e4ndischen Journalisten ist dort eine schwere Straftat. Nicht wenige Kubaner, deren einziges \u00bbVergehen \u00ab es war, Berichte f\u00fcr ausl\u00e4ndische Medien \u00fcber die Zust\u00e4nde auf Kuba zu liefern, sitzen im Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p><strong>Die letzte Verhaftungswelle lief im Jahr 2003.<\/strong><\/p>\n<p>Damals lie\u00df Castro 75 friedliche Oppositionelle zu bis zu 28 Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilen. 58 davon sitzen noch. Um das Risiko so klein wie m\u00f6glich zu halten, habe ich den meisten meiner Gespr\u00e4chspartner auf Kuba gar nicht erz\u00e4hlt, wer ich bin. Au\u00dferdem habe ich in dieser Reportage einige Vornamen und Ortsnamen ver\u00e4ndert, um die Menschen zu sch\u00fctzen. Anders als Erich Honecker, der sich aus Furcht vor Sanktionen aus dem Westen, von dem er sp\u00e4testens seit Anfang der 80er Jahre zunehmend wirtschaftlich abh\u00e4ngig war, scheute, DDR-Regimegegner wie B\u00e4rbelBohley oder Robert Havemann l\u00e4ngere Zeit einzusperren, verfolgt Fidel Castro seine Gegner gnadenlos. \u201eEr hat die Ereignisse w\u00e4hrend der friedlichen Revolution 1989 genau studiert. Und wei\u00df, wie gef\u00e4hrlich f\u00fcr ein System der L\u00fcge B\u00fcrgerrechtler werden k\u00f6nnen, die offen aussprechen, was schiefl\u00e4uft\u201c, sagt der kubanische Oppositionelle Boris Santa Coloma, der seit 1991 im Exil lebt und den ich kurz vor meinem Abflug in Berlin treffe. Santa Coloma kennt das Regime auch vom Schreibtisch der Macht aus. Von Ende der 70er Jahre bis 1990 war er Presseattache der kubanischen Botschaft in der DDR. Sein gleichnamiger Vater fiel beim Sturm auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba 1953, Castros erstem, gescheiterten Putschversuch gegen die Batista-Diktatur. Und wird in Kuba bis heute als Held verehrt. Coloma berichtet, dass Castro von seiner Ost-Berliner Botschaft damals detaillierte Berichte \u00fcber den genauen Verlauf der friedlichen Revolution in der DDR anforderte. \u201eEr hat daraus gelernt. Auf Kerzen und Gebete ist er vorbereitet\u201c, ist sich Santa Coloma sicher. \u201eDas war einer der Gr\u00fcnde, wieso er an der Macht blieb, als der Sowjetkommunismus st\u00fcrzte.\u201c<\/p>\n<p>Nicht Kerzen und Gebete, aber Blumen und Gebete sind die Ausdrucksformen der kubanischen Oppositionsgruppe \u201eDamas de Blanco\u201c, der \u201eDamen in Wei\u00df\u201c. Es sind die Frauen der inhaftierten Regimegegner. Jeden Sonntag treffen sie sich zur Messe in der katholischen Kirche Santa Rita im Diplomatenviertel von Havanna, Miramar. Die Kirche liegt direkt an der Quinta Avenida, einer Allee ges\u00e4umt von Botschafts-Villen. Bis zu seinem R\u00fccktritt im Februar 2008 der t\u00e4gliche Arbeitsweg von Fidel Castro auf der Fahrt von seinem pr\u00e4chtigen Anwesen im Vorort Siboney zu seinem Amtsitz am Platz der Revolution. Die Protokollstrecke. Am zweiten Tag nach meiner Ankunft bin ich in der Kirche Santa Rita zum Sonntagsgottesdienst. Die Damen sind unschwer zu erkennen. Rund 20 Frauen, mutterseelenallein ganz vorne, in einer der ersten Reihen vor dem Altar. Vor dem Gottesdienst beten sie gemeinsam einen Rosenkranz f\u00fcr die \u201ePresos\u201c, f\u00fcr die Inhaftierten. Eine Szene, die an die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche 1989 erinnert. Vor den Damen sitzt niemand, und hinter ihnen sind gleich ungef\u00e4hr zehn Sitzreihen frei. Die etwa 500 anderen Gottesdienstbesucher halten \u201eSicherheitsabstand\u201c. Und es ist auch klar: Unten den 500 Frommen ist nicht nur die eine oder andere Botschafter-Gattin, sondern auch sicher nicht wenige Stasi-Spitzel. Ich und mein Kollege Nikola nehmen zwei Reihen hinter den Damen Platz,gewisserma\u00dfen im \u201eNiemandsland\u201c. Einige der Damen drehen sich irritiert um. Ich nehme an, dass ich mit meinen ortsuntypisch blonden Haaren in ihren Augen sofort \u00fcber jeden Stasi-Verdacht erhaben war. Als wir l\u00e4cheln, l\u00e4cheln eine der Damen zur\u00fcck. Wir haben uns verstanden.<\/p>\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter werden wir die Damen in Wei\u00df auf dem Malecon wiedertreffen, der Meerespromenade von Havanna. Mit Blumen in der Hand, in wei\u00dfen T-Shirts, die die Fotos ihrer inhaftierten Angeh\u00f6rigen zeigen, ziehen sie auf dem B\u00fcrgersteig entlang. Sie gehen mit der illegalen Demo ein gro\u00dfes Risiko ein. Zwei M\u00e4nner mit Amateurkameras machen Aufnahmen. Es sind (davon darf man ausgehen) keine Stasi-Leute, sondern ebenfalls mutige Oppositionelle, wahrscheinlich Mitarbeiter des Oppositionssenders TV Marti aus Miami. Von US-Territorium und einem US-Milit\u00e4rflugzeug vor der K\u00fcste aus strahlt der Sender ein von Oppositionellen gestaltetes Fernseh- und Radioprogramm aus. Eine Kameratruppe, die an die Aktivit\u00e4ten von Roland Jahn, Siegbert Schefke und Aram Radomski erinnert, die Ende der 80er Jahre mit solchen Aufnahmen, die \u00fcber das West-Fernsehen fast alle DDR-B\u00fcrger erreichten, der Opposition \u00d6ffentlichkeit verschafften.<\/p>\n<p>Wie das Westfernsehen in der DDR haben TV Marti und Radio Marti auf Kuba viele Zuschauer und Zuh\u00f6rer. Die Glaubw\u00fcrdigkeit der Sender leidet aber darunter, dass sie durch die US-Regierung und ihre Geheimdienst finanziert werden. Zum zweiten wird ihr Empfang anders als damals in der DDR bei ARD und ZDF durch St\u00f6rsender behindert. Und zum dritten senden die Marti-Macher ein recht nachrichtenlastiges Programm, das oft an den Erwartungen des Zielpublikums, der 12 Millionen Kubaner auf der Insel, vorbeigeht. Fast in jedem Wohnzimmer, in das ich w\u00e4hrend meiner Reise komme, l\u00e4uft zwar praktisch von morgens bis abends die \u201eGlotze\u201c. Allerdings gucken die Menschen lieber in Spanien, in Mexiko und auf Kuba produzierte \u201eTelenovelas\u201c oder \u00dcbertragungen von Baseball-Spielen, dem Nationalsport. Und wenn sie das Radio anmachen, m\u00f6chten sie oft lieber Salsa-Musik statt Probleme h\u00f6ren. Die kubanischen Medien selbst werden vollst\u00e4ndig vom Regime zensiert. Das Zentralorgan \u201eGranma\u201c ist von der ersten bis zur letzten Seite voll mit Jubelmeldungen \u00fcber den Sozialismus, der Verherrlichung ihrer \u201eHelden\u201c Che Guevara, Fidel oder Raul und von Hasspropaganda auf die USA. Trotzdem wird das Blatt in Millionenauflage t\u00e4glich gekauft oder abonniert. Mutma\u00dflich wegen der \u201eZweitverwertung\u201c. Toilettenpapier ist eine der gro\u00dfen Mangelwaren auf Kuba.<\/p>\n<p>Die Altstadt von Havanna wird in meinem Reisef\u00fchrer als \u00bbmalerisch\u00ab beschrieben. Ein Schauplatz gro\u00dfer Geschichte. Im Jahre 1515 gegr\u00fcndet, ist sie eine der \u00e4ltesten St\u00e4dte der Neuen Welt. Die Konquistadoren Cortez und Pizarro brachen von hier auf, um die Reiche der Azteken und Inkas zu erobern. Als der deutsche Gelehrte Alexander von Humboldt vor 200 Jahren Kuba erforschte, war das alte Havanna eine pr\u00e4chtige und reiche Stadt voller barocker Kirchen, Pal\u00e4ste und m\u00e4chtiger Festungsmauern. Nach 49 Jahren Sozialismus ist das historische Zentrum ein Haufen Ruinen voller Tr\u00fcmmer und stinkendem M\u00fcll. Die Menschen hier leben in drangvoller Enge. Sogar die Hauseing\u00e4nge sind zu Wohnungen umfunktioniert. Vier bis f\u00fcnf Menschen, die sich ein einziges Zimmer teilen, sind keine Seltenheit.<\/p>\n<p>Auf dem Weg in die ber\u00fchmte Schweinebucht im S\u00fcden der Insel komme ich an einer der zahlreichen Polikliniken vorbei. Das viel gepriesene kubanische Gesundheitswesen will ich mir nat\u00fcrlich n\u00e4her angucken. In der Klinik werde ich sehr freundlich empfangen. Osmel (40), einer der 25 \u00c4rzte hier, f\u00fchrt uns durch alle R\u00e4ume und zeigt uns die Ausstattung. Ein modernes R\u00f6ntgenger\u00e4t. Und Ultraschall. Die Ger\u00e4te kommen aus China, Kubas neuem \u00bbgro\u00dfen Bruder\u00ab. Die Chinesen suchen auf Kuba nach \u00d6l. Im Gegenzug liefern sie Reis. Einige tausend Reisebusse. Und medizinisches Ger\u00e4t. Der OP-Raum hat eine Klimaanlage, die Krankenzimmer haben saubere, neue Betten. F\u00fcr die Patienten, die im Wartezimmer sitzen, ist die Behandlung hier tats\u00e4chlich kostenlos. Sie brauchen auch nichts f\u00fcr eine Krankenversicherung zu bezahlen. F\u00fcr ein Land der Dritten Welt sicher eine Errungenschaft. Einer der Haken ist, dass die \u00c4rzte nur umgerechnet 20 Euro im Monat verdienen. Viele Mediziner arbeiten deswegen lieber als Taxifahrer oder Kellner in den Touristenregionen, wo sie \u00bbschwarz\u00ab das Zehnfache verdienen k\u00f6nnen. \u201eWas kriegen denn die \u00c4rzte bei euch?\u201c, fragt mich Osmel, und ich wage kaum zu erz\u00e4hlen, dass ein junger deutscher Arzt nach dem Studium mit ungef\u00e4hr 1 800 Euro netto im Monat im Jahr im Krankenkenhaus anf\u00e4ngt. F\u00fcr die Patienten ist zwar die Behandlung umsonst. Aber die meisten Medikamente m\u00fcssen sie selbst zahlen. Wer kein Geld hat, der hat Pech gehabt. Und dann gibt es da noch die \u201einternationale Solidarit\u00e4t\u201c, die man auch Menschenhandel interpretieren k\u00f6nnte. Das Castro-Regime bildet seit Jahrzehnten weit \u00fcber den eigenen Bedarf hinaus Mediziner aus. Alleine 20 000 kubanische \u00c4rzte sind, \u201eausgeliehen\u201c vom kubanischen Staat, f\u00fcr geringe L\u00f6hne in Venezuela t\u00e4tig. Im Gegenzug liefert Venezuela unter anderem \u00d6l zu Sonderkonditionen. Als eine weitere gro\u00dfe Errungenschaft der Revolution gilt das Schulsystem. Anders als in vielen L\u00e4ndern Lateinamerikas gehen auf Kuba alle Kinder zur Schule. Es gibt fast keine Analphabeten. Das ist gut. Es fehlen aber immer mehr Lehrer. Gebildete Pauker fl\u00fcchten ins westliche Ausland. Oder versuchen, am Stra\u00dfenrand Touristen zu neppen.<\/p>\n<p>Es nervt ungeheuer, als Ausl\u00e4nder dauernd angemacht zu werden.Wir sind noch keine f\u00fcnf Minuten im Hotel, als uns der erste Kellner unbedingt f\u00fcr 70 Dollar eine Kiste Schmuggelzigarren andrehen will, die er und seine Kollegen im Abstellraum verstecken. Und wenn wir f\u00fcr die Nacht noch eine \u00bbLady\u00ab br\u00e4uchten, sollten wir ihm gleich Bescheid sagen. Kaum parken wir irgendwo, dauert es oft keine Minute, bis die ersten Dollar-J\u00e4ger uns entdeckt haben. \u201eWhat do you want, Sir? Cigars? Chickas? A private restaurant?\u201c Zigarren? Prostituierte? Ein privates Restaurant? Nach ein paar Tagen geht mir die penetrante \u00bbHilfsbereitschaft\u00ab so auf die Nerven, dass ich beschlie\u00dfe, k\u00fcnftig \u00fcberhaupt nicht mehr zu reagieren. Das ist gar nicht so einfach. An der Ecke stoppt mich ein Polizist und behauptet, ich w\u00e4re verbotenerweise links abgebogen. Was gar nicht stimmt. \u201eTreinta Peso\u201c, fordert er dreist, drei\u00dfig Dollar-Peso, ungef\u00e4hr das Doppelte seines eigenen Monatslohns. Die Tarife kommen mir als geb\u00fcrtigen Westler irgendwie bekannt vor von der \u201eInterzonen-Autobahn\u201c (das war bei uns in Bayern in den 80er Jahren damals der g\u00e4ngige Name f\u00fcr die Transit-Strecke von Hof nach West-Berlin). 100 West-Mark f\u00fcr 10 Stundenkilometer zu schnell. Zu zahlen sofort und in bar bei der \u201eVolkspolizei\u201c. Mag sein, dass das Geld damals tats\u00e4chlich der DDR-Staatskasse zu gute kam und damit Kinderg\u00e4rten und Schulen finanziert wurden. Aber bei diesem kubanischen Volkspolizisten ist v\u00f6llig klar, dass er beabsichtigt, sich die begehrten Devisen selbst in die Tasche zu stecken. An dem roten Autokennzeichen meines Mietwagens hat er erkannt, dass es sich bei mir um einen westlichen Touristen handelt, also um einen besonders lukrativen Fall. Nach einer halben Stunde Streit gibt er auf.<\/p>\n<p>Auf einem Parkplatz fordert ein herbeigeeilter alter Mann mit grauen Haaren von mir einen Dollar-Peso. \u201eFor looking\u201c, meint er. F\u00fcr auf das Auto aufpassen. Ich ignoriere ihn einfach. Aber als ich eine Stunde sp\u00e4ter zur\u00fcckkomme, sitzt er direkt vor dem Auto mitten in der prallen Sonne und liest Zeitung. Ich gebe auf und dr\u00fccke ihm den Dollar-Peso in die Hand. Er erz\u00e4hlt, dass er nur ungef\u00e4hr f\u00fcnf Euro Rente bekommt. \u201eBei den Einheimischen, die hier parken, ist nichts zu holen. Aber die Ausl\u00e4nder bringen ein Dollar-Peso pro Auto.\u201c Ungef\u00e4hr 20 Dollar-Peso (Pesos convertibles) verdient er damit im Monat. Daf\u00fcr steht er von morgens bis abends in der Hitze. Er presst die f\u00fcr ihn wertvolle M\u00fcnze, die ich ihm gerade gegeben habe, zwischen Daumen und Zeigefinger. Sein Blick wird ganz streng: \u201eEin Liter Milch im Laden kostet bei uns 1,30 konvertible Peso. Ich brauche also noch 30 Cent, dann kann ich mir heute wenigstens Milch kaufen. Ja, mein Freund, das ist hier ein sehr hartes Leben! Wollen wir tauschen?\u201c Ich habe ein ziemlich schlechtes Gewissen, weil ich den armen alten Mann so herablassend behandelt habe.<\/p>\n<p>Die USA. Traum- und Hassland zugleich. Viele der Menschen, mit denen ich spreche, schimpfen auf die \u00bb\u00fcberheblichen Gringos\u00ab. Und die b\u00f6se CIA. Der Zorn auf das \u00bbImperium\u00ab, ohnehin in ganz Lateinamerika sehr stark verbreitet, wird auch vom \u00bbZentralorgan\u00ab, der Zeitung \u00bbGranma\u00ab, und dem kubanischen Fernsehen t\u00e4glich gesch\u00fcrt. Doch f\u00fcr viele Kubaner sind die USA auch das Land ihrer Sehnsucht nach einem besseren Leben. Etwa die H\u00e4lfte hat Verwandtschaft dort, meist in Miami. Anders als in der DDR erlaubt das Regime neuerdings auch vielen Kubanern auszureisen und im Ausland zu arbeiten. In der Hoffnung auf die Devisen, die sie nach Hause schicken. Doch seit Ende der 90er-Jahre, als Hunderttausende \u00fcber das Meer in das 150 Kilometer entfernte Florida flohen, haben die USA ihre vorher gro\u00dfz\u00fcgigen Einreiseregeln stark eingeschr\u00e4nkt. Sie wollen nicht noch mehr Fl\u00fcchtlinge im Land. Wer die gef\u00e4hrliche Passage tats\u00e4chlich \u00fcberlebt, wird heute von der US-K\u00fcstenwache wieder in Fidel Castros Reich abgeschoben. Wer keine Verwandtschaft im Ausland hat, hat es auch schwer, ein Visum f\u00fcr ein anderes Land zu ergattern.<\/p>\n<p>Wir treffen Pedro. 29 Jahre alt. Er ist im Jahr 2004 nach Nassau auf die Bahamas ausgewandert, arbeitet dort als Fliesenleger. Anders als in den 90er Jahren, als der einzige Weg nach drau\u00dfen \u00fcber ein Flo\u00df auf dem Meer f\u00fchrte, konnte er \u201elegal\u201c ausreisen. Junge Leute, an denen das Regime aufgrund ihrer niedrigen Bildung kein Interesse hat, bekommen neuerdings eine Ausreiseerlaubnis, wenn sie ein Einreisevisum eines anderen Landes vorweisen k\u00f6nnen. Der Gedanke, der von Castros Seite dahintersteckt ist nicht nur, damit potentielle Aufm\u00fcpfige loszuwerden. Sondern auch, dass die \u201eAusreiser\u201c ihre in den USA oder anderswo hart verdienten Dollars ja ohnehin zu einem nicht unwesentlichen Teil sp\u00e4ter nach Hause zur Verwandtschaft \u00fcberweisen werden. Und das Regime einen erheblichen Teil davon absch\u00f6pfen kann. \u00dcber zwanzig Prozent Geb\u00fchren f\u00fcr den Umtausch von Dollars in Pesos. Und \u00fcber weit \u00fcberh\u00f6hte Preise f\u00fcr westliche Konsumg\u00fcter in den Devisenl\u00e4den. Pedro ist nur ein paar Wochen in Havanna. Er hat es geschafft, dass die Bahamas seiner Mutter Martha (60) ein Visum ausgestellt haben. Nun will er die kleine Wohnung in der Altstadt von Havanne, die er von dem auf dem Bahamas verdienten Geld f\u00fcr 15 000 Dollar im Jahr 2006 gekauft hat, verkaufen und seine Mutter mitnehmen. Sein Zorn auf Castro ist grenzenlos: \u201eWir lassen alles zur\u00fcck und wollen in dieses verfluchte Land hier nie wieder zur\u00fcck.\u201c Er tr\u00e4umt davon, in Nassau eine eigene Firma zu gr\u00fcnden. \u201eDas kann ich auf Kuba nicht machen. Hier ist doch sowieso alles verboten.\u201c \u00c4hnlich wie Pedro haben die meisten Menschen, die ich treffen, von Castro die Nase voll. Mich wundert in den Tagen auf Kuba immer wieder, wie offen die Menschen \u00fcber diese Dinge mit mir reden, die ich \u00fcberwiegend zuf\u00e4llig auf der Stra\u00dfe kennenlerne und die mich meist, auch weil sie nat\u00fcrlich an Kontakten zu \u201eWestlern\u201c interessiert sind, meist schnell in ihre Wohnung einladen. Trotz des \u00dcberwachungsapparats, der \u00e4hnlich wie in der DDR funktioniert. Eine Offenheit, die ich als Westler, der gelegentlich als politisch interessierter Jung-Tourist in den 80er Jahren Ost-Berlin besuchte, dort nie erlebt habe. Ich hatte Angst, \u201edie\u201c hatten Angst\u201c. Das war mein Erleben damals. Gr\u00f6\u00dfere Offenheit so wie jetzt auf Kuba habe ich im ehemaligen Ostblock damals nur in Prag und in Bulgarien Ende der 80er Jahre erlebt, wo die Menschen, die ich traf, mir als Westler gegen\u00fcber in aller \u00d6ffentlichkeit keinen Hehl aus ihrem Hass auf das kommunistische Regime machten.<\/p>\n<p>Die Schaufenster der Devisen- L\u00e4den sind prall gef\u00fcllt. Alle L\u00e4den geh\u00f6ren den staatlichen Devisenfirmen, meist dem vom Milit\u00e4r kontrollierten Konzern Cimex, der so \u00e4hnlich funktioniert wie in der DDR die Intershops. Nur dass es anders als in der DDR auf Kuba praktisch \u00fcberhaupt keine normalen L\u00e4den mehr gibt, in denen man etwas halbwegs Brauchbares f\u00fcr die eigentliche Landesw\u00e4hrung, den Peso Cubano , gibt es eigentlich gar nicht mehr. Nur noch die Tageszeitung des Regimes, ein Mangosaft am Stra\u00dfenrand. Oder die staatlich verordneten Lebensmittelrationen in den sogenannten Libreta-L\u00e4den, die \u00fcber das ganze Land verteilt, versteckt hinter aus einfachen Brettern genagelten T\u00fcren und br\u00f6ckelnden Fassaden f\u00fcr den Insider an jeder Stra\u00dfenecke zu finden sind. Was gibt es dort zu kaufen?<\/p>\n<p>Eine interessante Aufgabe, das herauszufinden. Gut, hundertausende von Kubanern arbeiten in diesen Libreta-L\u00e4den. Nach ein paar Tagen lernen auch wir einen kenne, der dort hinter dem Tresen steht. l\u00e4dt uns am n\u00e4chsten Morgen ein, mal vorbeizuschauen. : \u201eKomm, ich zeig es dir!\u201c Sorgf\u00e4ltig wiegt er sieben Pfund Reis ab und kippt sie auf den Ladentisch. Dann zwei Pfund wei\u00dfen Zucker. Und drei Pfund braunen Zucker. Eine kleine Sch\u00fcssel Erbsen, eine Sch\u00fcssel Bohnen. Ein P\u00e4ckchen Kaffee. Seife, eine Zahnpasta. Eine kleine Flasche Speise\u00f6l. Ein bisschen Salz. Und vier Schachteln Zigaretten. Dazu meistens noch f\u00fcnf Eier. Und ein oder zwei kleine St\u00fccke Fleisch oder Fisch im Monat. Wenn etwas da ist. \u201eDas ist es!\u201c, meint er. \u201eDas hier bekommt ein Kubaner im Monat von Fidel.\u201c<\/p>\n<p>In einem anderen Libreta-Laden treffen ich Olivia, eine 70 Jahre alte Frau. Wir stehen gemeinsam vor lauter leeren Regalen. Pl\u00f6tzlich spricht sie mich an, obwohl wir uns \u00fcberhaupt nicht kennen: \u201eSchau dir das an\u201c, meint sie, \u201eso weit ist es gekommen! Keine Milch, kein Fleisch, kein Fisch!\u201c Sie erz\u00e4hlt mir, dass ihr Mann vor 50 Jahren auf Fidel Castros Seite gek\u00e4mpft hat. Und das sie mit der Revolution gro\u00dfe Hoffnungen verbanden: \u201eDie haben alles falsch gemacht.\u201c Sie besteht darauf, dass wir sie mit mir zusammen vor dem Laden fotografieren. Und meint dazu: \u201eDie meisten schweigen, weil sie Angst vor Fidel haben. Aber ich nicht. Ich habe keine Angst.\u201c Mit 70 muss sie vielleicht auch keine mehr haben. \u00c4hnlich wie die Rentnerinnen aus Plauen im Vogtland, die im Herbst 1989 Fotos und Informationen \u00fcber die Montagsdemos \u00fcber die nahe Westgrenze brachten.<\/p>\n<p>Nur einmal im Monat wird in den Libreta-L\u00e4den Fisch ausgeteilt. Obst und Gem\u00fcse\u00a0gibt es \u00fcberhaupt nicht \u201eauf Libreta\u201c. Sondern nur auf den \u201eAgromercados\u201c, den Bauernm\u00e4rkten. Nach der Revolution wurden sie verboten, und wenn ein Bauer dabei erwischt wurde, dass er \u201eprivat\u201c verkaufte, dann landete er im Gef\u00e4ngnis. Anfang der \u00a090er-Jahre, als das Land nach dem Zusammenbruch des gro\u00dfen Bruderlandes, der Sowjetunion, vor einer Hungerkatastrophe stand, lie\u00df Castro die Bauernm\u00e4rkte wieder zu. Die Preise h\u00f6ren sich f\u00fcr unsere Ohren billig an. F\u00fcr kubanische Verh\u00e4ltnisse sind sie gesalzen. Ein Kilo Schweinefleisch kostet umgerechnet 1,40 Euro. Der Arbeitslohn von fast drei Tagen. Zwiebeln 50 Eurocent pro Kilo, einen Tageslohn.<\/p>\n<p>Im Februar 2008 trat Fidel Castro zur\u00fcck. Wie lange er noch zu leben hat, wie es um seine Krebserkrankung steht, wei\u00df niemand. Seitdem regiert offiziell Bruder Raul (77), der Milit\u00e4rchef. Und eine Clique von einigen j\u00fcngeren Funktion\u00e4ren rund um Politb\u00fcromitglied Carlos Lage D\u00e1vila (56) und Au\u00dfenminister Felipe Perez Roque. Wir einer von ihnen nach Castros Tod der Gorbatschow von Kuba? Aufmerksam beobachtet die westliche Welt seitdem jede kleine Ver\u00e4nderung. Einige schwerkranke inhaftierte Oppositionelle kamen frei. Der Besitz von Handys und Computern wurde erlaubt. Es gibt sogar Ger\u00fcchte, dass das marode Libreta-System komplett\u00a0abgeschafft werden und k\u00fcnftig nur noch die Devisenw\u00e4hrung gelten soll. Das k\u00e4me dem Ende des sogenannten \u00bbSozialismus\u00ab gleich. Klar ist aber auch, dass die kommunistischen Spitzenfunktion\u00e4re an der Macht bleiben wollen \u2013 \u00e4hnlich wie in China. Wahrscheinlich wird es keine \u201eRevolution mit Kerzen und Gebeten\u201c geben. Sondern eher einen Wandel nach ungarischem Muster, wo Partei-Funktion\u00e4re wie Guyla Horn einen sozialdemokratisch gepr\u00e4gten Neuanfang wagten und einen Anschluss an den Westen und einen Machtkompromiss mit der b\u00fcrgerlichen Opposition suchten.<\/p>\n<p>Solange Fidel Castro noch lebt, geht die Zensur und die Verfolgung Andersdenkender aber ungehindert weiter. Anfang 2009 begeht Kuba den 50. Jahrestag von Castros Revolution. Zu feiern gibt es eigentlich nichts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>erschienen in SUPERillu Heft 34\/2008. Dem normalen deutschen Urlauber scheint Kuba wie ein kleines Paradies. Und das zum Schn\u00e4ppchenpreis. 14 Tage unter Palmen im Badeort Varadero einschlie\u00dflich Flug und\u00bball inklusive\u00ab gibt es ab 1164 Euro pro Person. Das von der Au\u00dfenwelt weitgehend abgeriegelte Ferienressort hat einen herrlichen Strand, saubere Stra\u00dfen, sch\u00f6ne Restaurants und viele Shopping-M\u00f6glichkeiten. &hellip; <a href=\"https:\/\/geraldpraschl.de\/?p=1118\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Kuba 2008 &#8211; Fidel. Frust. Und Flucht.<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1119,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1118","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gerald-praschl"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1118","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1118"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1118\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1119"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1118"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1118"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1118"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}