define('DISALLOW_FILE_EDIT', true);
define('DISALLOW_FILE_MODS', true);{"id":1307,"date":"2016-09-01T11:09:54","date_gmt":"2016-09-01T09:09:54","guid":{"rendered":"http:\/\/geraldpraschl.de\/?p=1307"},"modified":"2019-08-23T10:10:45","modified_gmt":"2019-08-23T08:10:45","slug":"der-hitler-stalin-pakt-und-die-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geraldpraschl.de\/?p=1307","title":{"rendered":"Der Hitler-Stalin-Pakt und die Ukraine"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Gerald Praschl, erschienen in der Zeitschrift &#8222;Horch und Guck&#8220;,<br \/>\nHeft 81, Dezember 2015, S. 40-43. (<a href=\"http:\/\/www.horch-und-guck.info\">www.horch-und-guck.info<\/a>)<br \/>\n<\/em><br \/>\n<strong>Der Hitler-Stalin-Pakt<\/strong> und seine Folgen \u00fcberschatten bis heute das junge Land auf der Suche nach sich selbst. Die heutige Westgrenze der <strong>Ukraine<\/strong> verl\u00e4uft ziemlich genau entlang der einstigen Demarkationslinie des Hitler-Stalin-Pakts. Die von der Sowjetunion 1939 annektierten Gebiete wurden der seit 1919 existierenden Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik zugeschlagen, die bis dahin im wesentlichen nur aus den bereits seit dem 17. und 18. Jahrhundert zum russischen Zarenreich geh\u00f6renden Teilen der Ukraine bestanden hatte. Die Ukraine in ihren heutigen Grenzen ist also, wenn man so will, ein Produkt des Hitler-Stalin-Pakts. Ihre Gegenwart ist bis heute davon \u00fcberschattet.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Viel Wert legt der neue Direktor des Ukrainischen Instituts des nationalen Gedenkens \u00a0Wolodymyr Wjatrowytsch, 38, auf Ausstellungen im \u00f6ffentlichen Raum, die derzeit in vielen gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten des Landes zu sehen sind und die den Betrachtern den neuen Blick auf die bewegte j\u00fcngere Geschichte des Landes er\u00f6ffnen sollen. Eine solche Ausstellung er\u00f6ffnete er im September 2015 auch direkt vor dem Kiewer Rathaus, nahe des Majdan, 17 Monate zuvor Schauplatz einer blutigen Revolution, bei der es nicht nur um die Zukunft des Landes ging, sondern auch um die Sicht auf seine Vergangenheit.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Zum Hitler-Stalin-Pakt ist dort zu jetzt lesen:<\/span><br \/>\n\u201eDer Abschluss des Nichtangriffspakts zwischen Deutschland und der Sowjetunion vom 23. August 1939 erm\u00f6glichte den Anfang des Krieges. Nach dem geheimen Zusatzprotokoll zu dem Pakt wurde Osteuropa zwischen den beiden Diktatoren aufgeteilt. Die Regierung der UdSSR verleugnete 50 Jahre lang die Existenz dieses Zusatzprotokolls\u201c. Und weiter: \u201eF\u00fcr die Ukraine begann der Krieg am 1. September 1939. 120 000 Ukrainer k\u00e4mpften auf der Seite der polnischen Armee gegen die Deutschen. Schon am ersten Tag des Krieges wurden Lemberg und andere St\u00e4dte der West-Ukraine bombardiert. Am 17. September 1939 \u00fcberschritt die Rote Armee ohne Kriegserkl\u00e4rung die polnische Grenze und marschierte Richtung Westen. Die Sowjetunion trat an der Seite von Nazi-Deutschland in den Krieg ein.\u201c Au\u00dferdem hei\u00dft es: \u201eDie Rote Armee und die Wehrmacht kooperierten in den Schlachten gegen die polnische Armee. Entlang der Demarkationslinie haben die Verb\u00fcndeten sich die okkkupierten Territorien aufgeteilt. Lemberg, das zuerst von der deutschen Wehrmacht angegriffen wurde, kapitulierte erst vor der Roten Armee. (&#8230;) Der Grenz- und Freundschaftsvertrag wurde am 28. September unterzeichnet. Dem zufolge annektierte die Sowjetunion die West-Ukraine und Belarus.\u201c Es dauerte 76 Jahre, bis diese eigentlich bekannten Fakten offiziell und \u00f6ffentlich f\u00fcr alle den Weg auf den Kiewer Majdan fanden.<\/p>\n<p>Doch auch Wjatrowitschs&#8216; Darstellung hat L\u00fccken. Er ist als derzeit f\u00fchrender Akteur staatlicher Geschichtspolitik in der Ukraine deswegen auch alles andere als unumstritten. So ersetzt er alte, vom Sockel gest\u00fcrzte Helden, mit deren Mythos die Sowjets ihre Macht untermauerten, an vielen Stellen durch neue Helden: Die des ukrainischen Widerstands gegen die Sowjetmacht, von denen einige sicher einen Platz im Museum, aber nicht unbedingt ein Denkmal verdient haben. Auch weil sie, genau wie Stalin und zur selben Zeit, ebenfalls mit Hitler kollaborierten.<\/p>\n<p>Die Ukraine nach dem Hitler-Stalin-Pakt<br \/>\nDie 700 000 Einwohner des heute ukrainischen Lwiw, Lemberg, k\u00f6nnten zur Sowjetzeit an ihrem Ged\u00e4chtnis und ihrem Verstand gezweifelt haben. Wurde doch auch dort, in einem der westlichsten Zipfel der Sowjetunion, jedes Jahr am 9. Mai des Sieges im \u201eGro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg\u201c gedacht, der von 1941 bis 1945 gedauert habe und an dessen Ende die Stadt von den \u201efaschistischen Aggressoren\u201c befreit worden sei. Die Lemberger hatten es anders in Erinnerung. Der Krieg begann f\u00fcr sie am 1. September 1939, als Flugzeuge der Wehrmacht einen Luftangriff auf die Stadt unternahmen und unter anderem den Bahnhof zerst\u00f6rten. Zwei Wochen sp\u00e4ter standen Einheiten der Wehrmacht schon vor den Toren der Stadt, die von der polnischen Armee noch verbissen verteidigt wurde. Doch dann erschien ein anderer Feind pl\u00f6tzlich in ihrem R\u00fccken: die Sowjetarmee. Binnen weniger Tage besetzten die Sowjets nicht nur Lwiw, sondern alle seit 1921 nach dem polnisch-sowjetischen Abkommen von Riga polnisch regierten Teile von Ost-Galizien, Wolhynien und Polesien (siehe Karte).<\/p>\n<p>Den Einwohnern der bis 1918 noch \u00d6sterreich-Ungarischen Bezirksstadt Lemberg erschienen die neuen Herrn fremd. \u201eDie Sowjetb\u00fcrger, die Ostpolen regierten, fielen von Fahrr\u00e4dern, a\u00dfen Zahnpasta, benutzten Toiletten als Waschbecken, trugen mehrere Armbanduhren, BHs als Ohrenw\u00e4rmer oder Lingerie als Abendkleider\u201c, beschreibt Timothy Snyder in seinem Buch \u201eBloodlands\u201c ihre Wahrnehmung. Deutlich schlimmer aber war der Terror, der mit den Sowjets und ihrer Geheimpolizei NKWD einzog. Im nun sowjetisch besetzten Ostpolen fielen ihm laut Snyder 21.892 vormals polnische B\u00fcrger zum Opfer, darunter auch ethnische Ukrainer, Juden und Belarussen. Die traumatischen Erlebnisse der 21 Monate sowjetischer Besatzung waren der Grund, wieso viele insbesondere ukrainischst\u00e4mmige Einwohner der Stadt den Einmarsch deutscher Truppen \u00fcber die nahe Demarkationslinie am 22. Juni 1941 im Glauben, jetzt w\u00fcrden sie von diesem Joch befreit, zun\u00e4chst begr\u00fc\u00dften. Ein schrecklicher Irrtum, wie sich bald herausstellen sollte.<\/p>\n<p>Ein kleiner Ausschnitt der Geschichte der heutigen Ukraine. Und auch nur die Geschichte eines Teils des Landes, der sich heute unter dem Sammelbegriff \u201eWest-Ukraine\u201c in den Medien wiederfindet, von Luzk, Lwiw und Riwne im Norden \u00fcber Ternopil und Iwano-Frankiwsk bis in das erst 1940 sowjetisch besetzte Tscherniwzi (Czernowitz) im S\u00fcden. Des Teils der heutigen Ukraine, der als Folge des Hitler-Stalin-Pakts von 1939 sowjetisch wurde. Der weit gr\u00f6\u00dfere Rest des Landes war nach dem Sieg der roten \u201eReiterarmee\u201c im B\u00fcrgerkrieg in der Ukraine bereits seit 1922 Teil der Sowjetunion. Der blutige Terror der ersten beiden Sowjet-Jahrzehnte hatte hier ungehindert gew\u00fctet. Ganze Bev\u00f6lkerungsgruppen waren ihm zum Opfer gefallen. Erst Priester und Landbesitzer, dann Millionen Kleinbauern in der von den Sowjets absichtlich ausgel\u00f6sten Hungersnot von 1932\/33, dem Holodomor. Ein Begriff, der dem russischen Wort f\u00fcr Hunger, Golod, entlehnt ist und w\u00f6rtlich \u201eAushungerung\u201c bedeutet. Schlie\u00dflich, in den Jahren des \u201eGro\u00dfen Terrors\u201c Ende der 30er Jahre, traf es vor allem st\u00e4dtische Intellektuelle, viele davon Kommunisten.<\/p>\n<p>Diese fl\u00e4chendeckende Ausrottung gesellschaftlicher Eliten und ganzer Bev\u00f6lkerungsgruppen ist mit ein Grund, wieso in diesem nicht \u201enur\u201c rund 45, sondern 70 Jahre sowjetisch beherrschten Teil der Ukraine die zur Sowjet-Zeit verbreiteten Geschichtsmythen st\u00e4rker wirkten und auch noch weit nach dem Ende der Sowjetunion intensiver fortleben als im Westen des Landes. Wenn es einen \u201eOst-West-Konflikt\u201c in der Ukraine gibt \u2013 wor\u00fcber man streiten kann \u2013 dann ist es nicht ein vermeintlicher zwischen \u201eUkrainern\u201c und \u201eRussen\u201c. Und auch nicht nur einer um den zuk\u00fcnftigen politischen Weg des Landes. Sondern auch ein Streit um die Sicht auf die Vergangenheit. Insofern ist die glaubw\u00fcrdige Aufkl\u00e4rung und Aufarbeitung dieser Vergangenheit neben wirtschaftlichen und politischen Reformen und der Abwehr der russischen Aggression einer der Schl\u00fcsselfaktoren f\u00fcr Erfolg oder Misserfolg des Neuaufbruchs des Landes, der 2014 von der Majdan-Revolution ausging.<\/p>\n<p>Der Hitler-Stalin-Pakt und die ihm folgenden Kriegsjahre sind bei dieser Aufarbeitung die zentralen Punkte. Noch bis 2013 feierte zum Beispiel die Stadt Charkiw, weit im Osten liegend und mit 1,5 Millionen Einwohnern zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt der Ukraine, mit Sowjetsymbolik und Milit\u00e4rparade den \u201eTag des Sieges\u201c im \u201eGro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg\u201c zu F\u00fc\u00dfen der gr\u00f6\u00dften Lenin-Statue des Landes. Neben Roten Fahnen, Hammer und Sichel waren auch die Jahreszahlen sehr pr\u00e4sent: \u201e1941-1945\u201c. Wie zur Sowjetzeit wurde das verh\u00e4ngnisvolle B\u00fcndnis der beiden Diktaturen 1939 dort nicht nur totgeschwiegen. Offizielle Teilnehmer der Parade f\u00fchrten gar stolz gro\u00dfe Stalin-Portr\u00e4ts mit sich, salutiert von der Trib\u00fcne aus von der gesamten politischen F\u00fchrung Charkiws, das damals von Parteig\u00e4ngern des 2014 gest\u00fcrzten Pr\u00e4sidenten Wiktor Janukowitsch regiert wurde.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Kontrast zum Gedenken an das Kriegsende nur zwei Jahre sp\u00e4ter, 2015. Der neue Pr\u00e4sident des Landes, Petro Poroschenko, lud in Kiew zu einer zentralen Gedenkfeier ein, bei der nicht in erster Linie des Sieges, sondern der Opfer des Krieges, der jetzt auch in Kiew \u201eZweiter Weltkrieg\u201c hei\u00dft und von 1939 bis 1945 dauerte, gedacht werden sollte. Am Revers trugen er und viele Teilnehmer eine rote Mohnblume: Symbol der Trauer \u00fcber die Gefallenen und zivilen Opfer.<\/p>\n<p><strong>Die Opfer und die K\u00e4mpfer<\/strong><\/p>\n<p>Derer hat die Ukraine besonders viele zu beklagen. Acht bis zehn Millionen Ukrainer, ein Viertel bis zu einem Drittel der Vorkriegsbev\u00f6lkerung, sch\u00e4tzt Historiker Snyder, fielen dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Zweimal wurde das gesamte Land von der vernichtenden Walze des Kriegs \u00fcberrollt, beim Vormarsch der Deutschen 1941. Und bei der R\u00fcckeroberung durch die Sowjets 1943\/44. Vom besonders umk\u00e4mpften Charkiw, das in Panzerschlachten viermal den Besatzer wechselte, blieb nicht viel \u00fcbrig. Kiews Prachtmeile, der Kreschtschatik, 2014 Schauplatz der Majdan-Revolution, wurde 1941 von den Sowjets gesprengt, um m\u00f6glichst viele einmarschierende Wehrmachtssoldaten in den Tod zu rei\u00dfen. Zahllose Gedenkorte \u00f6stlich und westlich des Dnepr zeugen von den erbitterten Panzerschlachten 1941 und 1943, denen hier Hunderttausende zum Opfer fielen. Ebenfalls Hunderttausende Ukrainer starben als Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter Nazi-Deutschlands.<\/p>\n<p>Die meisten Ukrainer, rund sechs Millionen M\u00e4nner und Frauen, k\u00e4mpften in der Sowjetarmee. Viele aber auch anderswo. 120 000 bei der polnischen Armee, die 1939 von Deutschen und Sowjets \u00fcberrannt wurde. 80 000 waren Angeh\u00f6rige der US-Streitkr\u00e4fte, 45 000 in der britischen Armee. Europa wurde also auch ma\u00dfgeblich von ukrainischen Soldaten von der Nazi-Herrschaft befreit. Rund 100.000 Ukrainer k\u00e4mpften dar\u00fcber hinaus bei der Ukrainischen Aufstandsarmee UPA, die sich als Partisanentruppe 1942 vor allem aus der seit Ende der 20er Jahre existierenden Untergrund-Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) formiert hatte. Die UPA k\u00e4mpfte hinter der Front sowohl gegen die deutschen Besatzer als auch gegen die ab 1943 wieder in die Ukraine vorr\u00fcckenden Sowjets. Die letzten UPA-K\u00e4mpfer in den W\u00e4ldern gaben erst Mitte der 50er Jahre auf, nachdem ihr Anf\u00fchrer, Roman Schuchewytsch, 1950 bei Lemberg in einem Gefecht mit den Sowjets gefallen war.<\/p>\n<p>Ziel der UPA-Partisanen war die Errichtung eines unabh\u00e4ngigen Staates, f\u00fcr den ihre Vorg\u00e4ngerorganisation, die OUN, schon in den 30er Jahren gegen die damalige polnische Staatsmacht gek\u00e4mpft hatte. Mit friedlichen Mitteln, aber auch mit Terror, den unter anderem der heute viel zitierte OUN-F\u00fchrer Stepan Bandera propagierte. Mit Recht wird Bandera dabei Kollaboration mit Nazi-Deutschland vorgeworfen. Diese w\u00e4hrte \u2013 genau wie der Hitler-Stalin-Pakt \u2013 von 1939 bis 1941. Die Nazis befreiten Bandera im September 1939 nach ihrem Einmarsch aus einem polnischen Gef\u00e4ngnis. Kurz nach seiner Befreiung setzte er sich im Streit mit anderen OUN-F\u00fchrern, die eine Kollaboration mit den Deutschen ablehnten, durch. Er half beim Aufbau einer \u201eLegion Ukrainischer Nationalisten\u201c, einer aus ukrainischen K\u00e4mpfern bestehenden Truppe mit zwei Bataillonen (\u201eNachtigall\u201c, \u201eRoland\u201c), die als Teil der deutschen Wehrmacht ab 22. Juni 1941 in die Ukraine einmarschierte. Schnell, schon w\u00e4hrend der Eroberung vom Lemberg am 1. Juli 1941, wurde klar, dass diesem anr\u00fcchigen B\u00fcndnis keine Dauer beschert sein w\u00fcrde. Die Nazis wollten nichts wissen von dem Ziel der OUN, auf dem Gebiet der wiedereroberten Heimat einen ukrainischen Nationalstaat zu errichten. Bandera wurde noch im Juli 1941 verhaftet und war bis Herbst 1944 im KZ Sachsenhausen inhaftiert, w\u00e4hrend seine beiden Br\u00fcder in Auschwitz umkamen. Die \u201eLegion Ukrainischer Nationalisten\u201c wurde aufgel\u00f6st. Viele ihrer K\u00e4mpfer, darunter Roman Schuchewytsch, schlossen sich stattdessen der UPA an und k\u00e4mpften seitdem gegen die Deutschen.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihre Kollaboration mit den Nazis von 1939 bis 1941 wurden Bandera, Schuchewytsch, die OUN und die UPA in der nach 1945 in der Sowjet-Ukraine \u00fcber diese Zeit verbreiteten Propaganda als \u201eFaschisten\u201c dargestellt. Dass Stalin sich in genau derselben Zeit ebenfalls mit Hitler verb\u00fcndet hatte und sich mit ihm per Federstrich ganz Zentraleuropa aufteilte, wurde dagegen verschwiegen. Ukrainische Volkstanzgruppen waren zur Sowjetzeit wohlgelitten \u2013 Ukrainer, die Fragen nach der Vergangenheit stellten, nicht. So diente der Mythos von den \u201eBandera-Faschisten\u201c insbesondere auch als Legitimation f\u00fcr Repression gegen vermeintliche \u201eukrainische Nationalisten\u201c, zu denen auch der Dichter Wassyl Stus geh\u00f6rte, der 1985 als eines der letzten Opfer in der K\u00e4ltezelle des sowjetischen Spezialgef\u00e4ngnisses Perm-36 umkam.<\/p>\n<p><strong>Der Holocaust durch Kugeln und die Schuldfrage<\/strong><\/p>\n<p>Daneben gab es nach 1941 viele Ukrainer, die sich von den Deutschen als Hilfspolizisten rekrutieren lie\u00dfen. Sie halfen den Sonderkommandos der SS auch bei der Jagd auf die Juden. Bis zu 1,5 Millionen j\u00fcdische Ukrainer wurden von 1941 bis 1943 ermordet. Die Massengr\u00e4ber der Opfer in jenen Gruben, in denen sie damals erschossen wurden, sind neben den Orten der deutschen Vernichtungslager im heutigen Polen die gr\u00f6\u00dften \u201eKilling Fields\u201c auf europ\u00e4ischem Boden. Sie sind am Rande fast jeder kleinen oder gro\u00dfen Stadt zu finden, das bekannteste in Babyn Jar im heutigen Stadtgebiet von Kiew. Auch Banderas kurzlebiger \u201eLegion\u201c wird ein Pogrom zur Last gelegt: In den ersten Juli-Tagen 1941 wurden in Lwiw viele Juden ermordet, die Beteiligung des ukrainischen Bataillons \u201eNachtigall\u201c, in der alten Bundesrepublik einst Kern der \u201eAff\u00e4re Oberl\u00e4nder\u201c, wird dabei bis heute unterschiedlich dargestellt. Daneben werden der UPA auch Massaker an ethnischen Polen vorgeworfen.<\/p>\n<p>Die Rolle Banderas, der OUN, und der UPA wurden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabh\u00e4ngigkeit des Landes 1991 erst langsam neu bewertet. Im Januar 2010 erkl\u00e4rte ihn Pr\u00e4sident Wiktor Juschtschenko zum \u201eHelden der Ukraine\u201c, was sein Nachfolger Wiktor Janukowytsch wieder r\u00fcckg\u00e4ngig machte. Seit Janukowytschs Sturz 2014 ist wieder alles ganz anders.<\/p>\n<p><strong>Die neue Erinnerungspolitik<\/strong><\/p>\n<p>Im rasanten Tempo verschwinden derzeit die letzten Symbole der Sowjetmacht. Schon w\u00e4hrend der Revolution 2014 wurden in Hunderten Orten Lenin-Denkm\u00e4ler vom Sockel gerissen. Nicht so geordnet und auf Beschluss eines \u00f6rtlichen Parlaments wie einst in Berlin 1991, sondern oft mit Stahlseilen an LKW-Anh\u00e4ngerkupplungen oder mit Muskelkraft, pogromartig, genauso wie einst die Bolschewiken unter Lenins F\u00fchrung 1917 viele Denkm\u00e4ler aus der Zarenzeit st\u00fcrzten. Viele der Akteure kamen dabei nicht gerade aus der Mitte der Gesellschaft, die das Geschehen eher Zuhause vor dem Fernseher verfolgte, sondern waren wie in Charkiw Fu\u00dfball-Hooligans oder wie in in Kiew oder Schitomir Angeh\u00f6rige der rechten Parteien Swoboda oder Pravij Sektor.<\/p>\n<p>Dass den ukrainischen Normalb\u00fcrger der Sturm auf die Lenins eher gleichg\u00fcltig lie\u00df, mag zum einen daran liegen, dass dort nach der kommunistischen Ideologie \u00e4hnlich wie in Polen schon lange kein Hahn mehr kr\u00e4ht, die Alt-Kommunisten hatten zuletzt bei den Wahlen drei Prozent. Zum anderen aber auch an gewissen sentimentalen Gef\u00fchlen, die eine heute leicht ergraute Generation einstiger Lenin-Pioniere mit dem zur Sowjetzeit als gottgleiches Vorbild der Jugend hingestellten \u201eGro\u00dfv\u00e4terchen Lenin\u201c verbindet, \u00e4hnlich wie dieselbe Generation im Osten Deutschland mit \u201eTeddy Th\u00e4lmann\u201c, dem an vielen Orten in der einstigen DDR bis heute Denkm\u00e4ler und Stra\u00dfen gewidmet sind.<\/p>\n<p>Ganz offiziell findet das neue Narrativ aber seinen Ausdruck in der Umbenennung Abertausender Stra\u00dfen im ganzen Land, die noch nach Sowjetfunktion\u00e4ren benannt waren. Und zwar im Expresstempo, anders als in Deutschland, wo es bis heute Stra\u00dfen gibt, die nach \u201eErnst Th\u00e4lmann\u201c, \u201eWilhelm Pieck\u201c oder \u201eOtto Grotewohl\u201c benannt sind. In Kiew l\u00e4uft seit Sommer 2015 eine Schnell-Abstimmung per Internet, die meisten Ergebnisse liegen schon vor. Hunderte Stra\u00dfen sollen noch vor Jahresende umbenannt sein. So hei\u00dft etwa die Kiewer Schtscherbakow-Stra\u00dfe, bisher benannt nach einem von Stalins Schl\u00e4chtern, k\u00fcnftig nach einer bekannten Familie ukrainischer Wissenschaftler. Andere Stra\u00dfen werden auch nach OUN-M\u00e4nnern und Exil-Ukrainern benannt, die vor den Sowjets flohen. In sehr vielen St\u00e4dten gibt es bereits Stra\u00dfen der \u201eHimmelshundertschaft\u201c. Der etwas sperrige Name erinnert an die \u00fcber 100 toten Demonstranten, die die Majdan-Revolution 2014 forderte.<\/p>\n<p>Tabu f\u00fcr allen Revisionismus scheinen dagegen die vielen Ehrenm\u00e4ler f\u00fcr Kriegshelden zu sein. Der Sieg, ob nun im \u201eGro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg\u201c oder im \u201eZweiten Weltkrieg\u201c, scheint ein wichtiger Teil des neuen Narrativs zu sein, auf das sich ein Land einigen will, dessen Menschen damals zweifellos nicht alle jubelnd auf der Seite dieser \u201eSieger\u201c standen und denen dieser \u201eSieg\u201c die Sowjetdiktatur brachte. Steht in Kiew inzwischen kaum noch ein Denkmal f\u00fcr Sowjetfunktion\u00e4re, thront vor akkurat gem\u00e4htem Rasen zum Beispiel die B\u00fcste des ukrainischst\u00e4mmigen Sowjet-Generals Mihailo Kirponos (1892-1941) weiterhin ehrenvoll auf ihrem Sockel. Kirponos war als Kommandeur des Kiewer Milit\u00e4rbezirks nach dem Einmarsch der Deutschen bei der Verteidigung der Stadt gefallen. Und in einer \u00fcberdimensionalen Schale hoch \u00fcber der Stadt brennt wie einst am zentralen Ehrenmal das ewige Feuer, ein beliebter Fotopunkt unter anderem f\u00fcr Hochzeitspaare. Auch die an diesen Gedenkorten allgegenw\u00e4rtige Sowjetsymbolik ist \u2013 trotz des neuen landesweiten Verbots ihrer Verwendung f\u00fcr politische Zwecke \u2013 unber\u00fchrt, zumindest bisher.<\/p>\n<p>Augenf\u00e4llig war die neue vers\u00f6hnende Geschichtspolitik bei Petro Poroschenkos Gedenkveranstaltungen am 8. und 9. Mai 2015: Als Ehreng\u00e4ste lud er sowohl Veteranen der Sowjetarmee als auch Veteranen der OUN\/UPA und sp\u00e4tere Widerst\u00e4ndler gegen die Sowjetmacht ein \u2013 und betonte, alle h\u00e4tten als Patrioten f\u00fcr die ukrainische Heimat gek\u00e4mpft. Man gedenke nun den Millionen, die im Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 1945 starben \u2013 \u201ean seinen Fronten, als Partisanen und im Nationalen-Befreiungs-Untergrund, in den Widerstandsbewegungen, in den Konzentrationslagern und als Zwangsarbeiter\u201c. Bei den Gedenkfeiern sa\u00dfen Veteranen der Roten Armee und der gegen sie k\u00e4mpfenden UPA als Ehreng\u00e4ste nebeneinander. Sie seien nun vereint nicht nur durch den heute pr\u00e4ziseren Blick auf die Geschichte, sondern auch, so Poroschenko, durch die Tatsache, dass ihre Enkel und Urenkel \u201eheute gemeinsam in einer Armee f\u00fcr den ukrainischen Staat gegen die russische Aggression k\u00e4mpfen\u201c. S\u00e4tze, die auch zeigen, wie sehr der Versuch, ein gemeinsames Narrativ der j\u00fcngeren ukrainischen Geschichte, nicht nur der des Hitler-Stalin-Pakts, zu entwickeln, von der aktuellen Krisensituation des Landes und der russischen Aggression im Osten der Ukraine \u00fcberschattet sind.<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten der Geschichte:<\/strong><\/p>\n<p>Die Verhandlungen in Moskau zogen sich einst die halbe Nacht lang hin. So wurde der Hitler-Stalin-Pakt, obwohl auf den 23. August 1939 datiert, erst nach Mitternacht unterzeichnet, also am 24. August 1939. Genau dieser Tag ist heute der Nationalfeiertag der Ukraine. Nat\u00fcrlich nicht deswegen. Das Datum erinnert an den 24. August 1991. An diesem Tag beschloss das ukrainische Parlament \u2013 nach dem gescheiterten Augustputsch in Moskau \u2013 den Austritt des Landes aus der Sowjetunion und die Unabh\u00e4ngigkeit, die schlie\u00dflich im Dezember 1991 in Kraft trat. Am selben 24. August 1991 trat in Moskau Michail Gorbatschow als Generalsekret\u00e4r der KPdSU zur\u00fcck, die wenige Tage sp\u00e4ter verboten wurde. Ebenfalls am 24. August 1991 wurde der Marschall der Sowjetunion Sergej Achromejew in seinem B\u00fcro im Kreml tot aufgefunden. Er hatte sich erh\u00e4ngt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Gerald Praschl, erschienen in der Zeitschrift &#8222;Horch und Guck&#8220;, Heft 81, Dezember 2015, S. 40-43. (www.horch-und-guck.info) Der Hitler-Stalin-Pakt und seine Folgen \u00fcberschatten bis heute das junge Land auf der Suche nach sich selbst. Die heutige Westgrenze der Ukraine verl\u00e4uft ziemlich genau entlang der einstigen Demarkationslinie des Hitler-Stalin-Pakts. Die von der Sowjetunion 1939 annektierten Gebiete &hellip; <a href=\"https:\/\/geraldpraschl.de\/?p=1307\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Der Hitler-Stalin-Pakt und die Ukraine<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1315,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1307","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gerald-praschl"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1307","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1307"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1307\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1315"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1307"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1307"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/geraldpraschl.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1307"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}