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define('DISALLOW_FILE_MODS', true);{"id":1364,"date":"2009-12-09T14:08:15","date_gmt":"2009-12-09T13:08:15","guid":{"rendered":"http:\/\/geraldpraschl.de\/?p=1364"},"modified":"2019-09-03T02:35:05","modified_gmt":"2019-09-03T00:35:05","slug":"vaclav-havel-beim-superillu-treff-mit-ddr-buergerrechtlern-2009","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geraldpraschl.de\/?p=1364","title":{"rendered":"Historischer Treff von Vaclav Havel mit DDR-B\u00fcrgerrechtlern 2009"},"content":{"rendered":"<p><em>2009 verlieh SUPERillu dem tschechischen Freiheitshelden, Pr\u00e4sidenten und B\u00fcrgerrechtler Vaclav Havel die Goldene Henne. Im Rahmen seiner Reise zur Preisverleihung reiste er nach Berlin. Es war seine letzte Reise nach Deutschland, seine letzte Auslandsreise insgesamt,&nbsp; und es war schwierig, sie zu organisieren &#8211; mein Job.&nbsp; Mit R\u00fccksicht auf seinen Gesundheitszustand &#8211; und weil es zum damaligen Zeitpunkt keine direkten Linienfl\u00fcge von Prag ins nahe Berlin gab, charterten wir f\u00fcr viel Geld ein Privatflugzeug, mit dem ich ihn am Nachmittag der Preisverleihung, dem 30. September 2009, am Prager Flughafen abholte, der nach seinem Tod 2011 \u00fcbrigens nach ihm benannt wurde.<\/em><\/p>\n<p><em>Es war genau der 20. Jahrestag der ber\u00fchmten Genscher-Rede in der Prager Botschaft.&nbsp; Havel sollte am Abend im Berliner Friedrichstadtpalast den Preis entgegennehmen, genau von Hans-Dietrich Genscher als Laudator verliehen, dem dies eine gro\u00dfe Ehre war. Genscher war dabei damals noch topfit. Nur war das Problem die Logistik. Zum einen wollten wir dem schwerkranken Havel, der so gerne pers\u00f6nlich kommen wollte, eine angenehme Anreise bieten. Zum anderen hatte Genscher am selben Nachmittag aber noch eine Rede zu dem historischen Jahrestag in der Prager Botschaft zu halten. Bitte heutigen CO2-Aktivisten nicht weitererz\u00e4hlen:&nbsp; Wir haben Havel mit der Privatmaschine um 15 Uhr in Prag abgeholt, sie flog uns in 45 Minuten nach Berlin. Anschlie\u00dfend flog sie wieder zur\u00fcck nach Prag und holte Genscher gegen 19 Uhr dort ab. Er landete kurz vor Beginn der Preisverleihung in Berlin und kam noch rechtzeitig im Berliner Zentrum an. Havel und ich haben uns im Flugzeug \u00fcbers Leben unterhalten, wahrscheinlich eindr\u00fccklich, denn ein paar Monate sp\u00e4ter schickte er mir zu Weihnachten 2009 eine liebevolle Karte mit seiner ber\u00fchmten Herzchen-Unterschrift und ein Foto von ihm mit einer pers\u00f6nlichen Widmung, die ich in Ehren bewahre.<\/em><\/p>\n<p><em>Ein Sohn der Prager Bourgeoisie, dessen Gro\u00dfvater, Vater und Onkel in Prag in Zeiten der freien Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit die Lucerna und die Barandov-Filmstudios aufbauten, ist nicht in den Westen abgehauen, sondern blieb auch unter den schwierigen Verh\u00e4ltnissen der sowjetischen Besatzung und&nbsp; der kommunistischen Herrschaft&nbsp; in seiner Heimat, ein&nbsp; K\u00fcnstler und Menschenrechtler mit feinem Sinn f\u00fcr das Wesentliche &#8211; auch f\u00fcr Andersdenkende und anderswo Stehende. Er wollte keineswegs&nbsp; alle Kommunisten verteufeln (nur bitte nicht mehr regieren lassen).&nbsp; Gegen &#8222;die Russen&#8220; hatte er sowieso nichts, den er wusste, dass die Mehrheit der Opfer in den Massengr\u00e4bern der Bolschewiken und des NKWD Russen waren. Als ich ihm erz\u00e4hlte, dass ich aus einer Familie von (den insbesondere von den Nazis so genannten) &#8222;Sudetendeutschen&#8220; komme,&nbsp; erz\u00e4hlte er mir davon, dass es ihm ein gro\u00dfes Anliegen war, im September 1989 als privater Helfer in der deutschen Botschaft in Prag Essen auszuteilen. <\/em><em>&nbsp;Und dass wir das zwar alles genau wissen, uns aber nicht so sehr davon belasten lassen sollen, sondern&nbsp; in Frieden und im Hier und Heute miteinander leben sollen, was ich genauso sehe. <\/em><em><\/em><\/p>\n<p><em>Er bot mir nochmal ein Interview an, eigentlich war das sowieso ausgemacht.&nbsp; Ich lehnte dem\u00fctig ab und erkl\u00e4rte ihm, dass ich stattdessen die begrenzte Lebens-und Belastungszeit eines Schwerkranken lieber f\u00fcr ein Wiedersehens-Treffen mit B\u00fcrgerrechtlern aus der DDR nutzen w\u00fcrde.&nbsp; Legend\u00e4r ist ja, das er, als er am 29. Dezember 1989 zum Pr\u00e4sidenten der Tschechoslowakei gew\u00e4hlt wurde, als seine dringende erste Amtshandlung ansah &#8211; mit Recht &#8211; viele B\u00fcrgerrechtler aus anderen zuvor kommunistisch beherrschten Staaten Zentraleuropas zu einer Silvesterparty in die Prager Burg &#8211; seinem Amtssitz &#8211; einzuladen, darunter auch viele DDR-B\u00fcrgerrechtler. Es war, eventuell- nein wahrscheinlich &#8211; die Sieges-Party des Jahrhunderts.<\/p>\n<p><\/em><em>Mehr als vier oder f\u00fcnf sollten es aber nicht sein, um ihn nicht zu sehr zu belasten. Wir trafen uns, kurz nach der Preisverleihung im Hotel Bayerisches Haus in Potsdam (er wollte ruhig wohnen)&nbsp; mit Markus Meckel, Roland Jahn, Arnold Vaatz und Gerd Poppe&nbsp; (ich gebe schm\u00e4hlich zu, alles M\u00e4nner, daf\u00fcr schrieb ich sp\u00e4ter zum Ausgleich ein Buch \u00fcber die wichtige Rolle der Frauen bei der Friedlichen Revolution in der DDR, gelobe Besserung) zum Nachmittagstee. Es wurde ein interessanter ruhiger Nachmittag, hier Ausz\u00fcge, autorisiert von allen Teilnehmern.<\/em><\/p>\n<div class=\"vmod\">\n<div class=\"vmod\">\n<div>\n<div class=\"BvCW1\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><strong>Hier Ausz\u00fcge aus dem Gespr\u00e4ch von 2009<\/strong><\/p>\n<p>SUPERillu: Herr Pr\u00e4sident, was haben Sie sich 1989 erhofft. Und wie viel von diesen Tr\u00e4umen ist heue wahr geworden?<\/p>\n<p><strong>V\u00e1clav Havel:<\/strong> Die Grundwerte, die wir erreichen wollten, haben wir erreicht. Aber es gibt doch viele Dinge, die wir noch nicht erreicht haben, mit denen ich nicht zufrieden bin. Wir waren auf Allerlei vorbereitet, aber nicht darauf, dass alles so langsam und langwierig vor sich geht. Wobei ich hier von der Situation in meinem Land, in Tschechien spreche. Es zeigt sich, dass es ungef\u00e4hr zwei Generationen dauert, damit die politische Elite alle Deformationen, die noch aus der Zeit des totalit\u00e4ren Regimes stammen, ablegt. Ich wei\u00df nicht, ob die Erfahrungen hier in Ostdeutschland \u00e4hnlich sind.<\/p>\n<p><strong>Markus Meckel:<\/strong> Wir haben bei uns in Deutschland die Erfahrung gemacht, dass es erst einmal sehr schnell ging. Wir haben 1989 den Durchbruch erk\u00e4mpft, die Gestaltung der Institutionen war durch die Vereinigung mit dem Westen gegeben. Aber der mentale, geistige Nachholbedarf ist bis trotzdem heute gro\u00df. Es gibt viele Defizite. Die demokratischen Institutionen in Ostdeutschland sind bis heute sehr schwach ausgepr\u00e4gt, der Organisationsgrad der ganzen Gesellschaft ist sehr gering. Wir haben zum Beispiel in Ostdeutschland, \u00e4hnlich wie in allen anderen postkommunistischen L\u00e4ndern nur sehr wenige Menschen, die sich in den politischen Parteien engagieren. Weniger als ein Prozent der ostdeutschen B\u00fcrger sind Mitglied einer Partei, ganz \u00e4hnlich wie in allen postkommunistischen Staaten. Und dann haben wir dazu auch noch die St\u00e4rke der postkommunistischen Partei, die auch von der Anti-Stimmung gegen die politischen Parteien profitiert. Insofern haben wir ein wirkliches Demokratie-Problem.<\/p>\n<p><strong>Gerd Poppe:<\/strong> Wir haben hier in Ostdeutschland zudem das Problem, dass das Zusammenwachsen zwischen Ost- und Westdeutschen deutlich l\u00e4nger dauert, als wir uns das vorgestellt haben. Auch nach 19 Jahren deutscher Einheit ist immer noch eine deutliche Trennung sp\u00fcrbar. Insofern ist der Zeitraum, den Sie, Herr Havel prognostizieren, zwei Generationen, leider auch f\u00fcr uns hier in Ostdeutschland realistisch. Erst meine Enkelkinder werden diese Unterscheidung zwischen Ost- und Westdeutschen hoffentlich nicht mehr machen. Heute ist es doch noch sehr verbreitet, dass selbst junge Leute, aus Baden-W\u00fcrttemberg oder Nordrhein-Westfalen, noch nie in Ostdeutschland gewesen sind und sehr wenig \u00fcber die Vergangenheit der kommunistischen Diktaturen in Ostdeutschland und Osteuropa wissen.<\/p>\n<p><strong>V\u00e1clav Havel:<\/strong> Sie haben von dem mangelnden Vertrauen in die politischen Parteien gesprochen. Das k\u00f6nnen wir bei uns in Tschechien auch beobachten. Da stellt sich die Frage, ob das nicht eine Krise des Parteiensystems insgesamt ist. Im Prinzip ist es die Frage, ob wirklich alles wichtige in den Parteien entschieden werden muss. Nat\u00fcrlich sind die Parteien ein wichtiger Bestandteil des Pluralismus in jeder Demokratie. Aber trotzdem entsteht die Frage, ob es nicht wichtig w\u00e4re, dass die Parteien sich auf die Stellung reduzieren, die ihnen geb\u00fchrt und dass sie nicht zu Meta-Strukturen des Staates werden. Ich habe auch die Erfahrung in Diskussionen mit jungen Leuten gemacht, dass man bei ihnen einen gewichtigen Widerstand sp\u00fcrt, sich in einer Partei zu engagieren, dass es unter vielen sogar als regelrechte Schande gilt, einer Partei beizutreten. Wir m\u00fcssen diese Skepsis akzeptieren.<\/p>\n<p><strong>Roland Jahn:<\/strong> Wir sp\u00fcren auch hier in Deutschland eine Entpolitisierung der Jugend. Die nat\u00fcrlich viel damit zu tun hat, dass die Gesellschaft sehr kompliziert geworden ist. Und dass es f\u00fcr junge Menschen schwierig geworden ist, Ansatzpunkte zu finden, wo sie sich mit ihrem Protest oder ihrer politischen Meinungen einbringen k\u00f6nnen. F\u00fcr viele Probleme gibt es keine einfachen L\u00f6sungen. Da ist dann oft die Meinung da, man k\u00f6nne sowieso nichts \u00e4ndern. Und das politische Engagement reduziert sich dann, wenn \u00fcberhaupt, darauf, bei Wahlen seine Stimme abzugeben. Die neuen Medien, das Internet, sind hier eine gro\u00dfe Chance insbesondere f\u00fcr junge Leute, einen Diskurs \u00fcber die Gesellschaft zu f\u00fchren und es ist gut, wenn viele das nutzen.<\/p>\n<p><strong>SUPERillu:<\/strong> Sie haben nun viel \u00fcber Probleme gesprochen. Aber ist der 20ste Jahrestag des Mauerfalls nicht vor allem ein Grund zum Feiern?<\/p>\n<p><strong>Gerd Poppe:<\/strong> Nat\u00fcrlich haben wir sehr viel zu feiern. Wir lebten damals in einer Diktatur. Unser Ziel war die Durchsetzung der Menschenrechte und der Demokratie. Dieses Ziel haben wir erreicht. Wenn ein Teil der Bev\u00f6lkerung das nicht so sieht, dann haben sie wohl vergessen, unter welchen Umst\u00e4nden sie damals in der Diktatur gelebt haben. Wir sollten vor allem gemeinsam mit unseren Nachbarn feiern. Gerade wir ostdeutschen Oppositionellen waren sehr beeinflusst auch von Ereignissen in der CSSR, Polen und Ungarn. Der Prager Appell der Charta 77 von 1985 hat uns damals in Ost-Berlin zum Beispiel au\u00dferordentlich beeinflusst. Das sind Dinge, die sehr intensiv auf die Bildung einer Opposition in der DDR eingewirkt haben. Daf\u00fcr bin ich sehr dankbar. Und auch das ist ein Grund zum feiern, dass wir damals, vor 20 Jahren, fast gleichzeitig, diese Diktatur \u00fcberwunden haben.<\/p>\n<p><strong>V\u00e1clav Havel:<\/strong> Dieser Einfluss war sicher gegenseitig. Wir wussten nat\u00fcrlich auch um die Opposition in den anderen L\u00e4ndern. Uns war klar: Wenn es gelingen kann, dann nicht in einem einzelnen Land, sondern nur gemeinsam in allen L\u00e4ndern. Als zum Beispiel in Polen 1980 die unabh\u00e4ngige Arbeiterbewegung Solidarno\u015b\u0107 gegr\u00fcndet wurde, habe ich mich sehr dar\u00fcber gefreut. Aber ich wusste auch, dass es nicht gut ausgehen kann, denn das alles passierte nur in einem einzigen Land. Genau wie 1968, beim Prager Fr\u00fchling, bei uns. Dass es 1989 anders war, war ein gro\u00dfes Gl\u00fcck. Gorbatschow war mit seiner Perestroika schon so weit, dass er keine Panzer mehr schicken konnte, ohne seine eigene Politik zu revidieren. Ich bin mir sicher, dass die totalit\u00e4ren Systeme bei uns so oder so fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zusammengebrochen w\u00e4ren. Aber ohne die Perestroika von Gorbatschow w\u00e4re das sicher erst viel sp\u00e4ter der Fall gewesen.<\/p>\n<p><strong>Markus Meckel:<\/strong> Ich finde es sehr wichtig, dass wir heute diese Erinnerung an die friedliche Revolution nicht nur national pflegen, sondern dass wir das m\u00f6glichst gemeinsam tun, damit der mitteleurop\u00e4ische Zusammenhang pr\u00e4sent bleibt. Deshalb fand ich es auch wichtig, wie wir hier in Deutschland jetzt den Tag des Mauerfalls, den 9. November feiern. Da m\u00fcssten den Einladungen an die Polen, Tschechen, Slowaken und Ungarn eigentlich die Priorit\u00e4t geh\u00f6ren vor der Einladung an die Alliierten im Westen, wenn man den historischen Zusammenh\u00e4ngen gerecht werden will.<\/p>\n<p><strong>Arnold Vaatz:<\/strong> Ich feiere heute erstens, dass die Dinge, die ich damals in der DDR als unnat\u00fcrlich empfunden habe, n\u00e4mlich der Entzug von Freiheitsrechten, der Entzug von Freiz\u00fcgigkeit und das Verbot der Meinungsfreiheit noch zu meinen Lebzeiten ein Ende gefunden haben. Und ich feiere, dass ich und alle anderen die Sache \u00fcberlebt haben. Das ist das Wichtigste. Wer nun wie viel Anteil an dieser Entwicklung hatte, ist sekund\u00e4r. Wir hatten doch von 1945 bis etwa 1985 eine Konstante, die darin bestand, dass am Rande des russischen Imperiums regelm\u00e4\u00dfig Unruhen und Ausbruchsversuche stattfanden, und das regelm\u00e4\u00dfig in Moskau ein orthodoxer Machtwille diese Ausbruchsversuche mit Waffengewalt niedergeschlagen hat. Das war beendet, als die KPDSU bemerkt hat, dass sie in einer rettungslosen Sackgasse gelandet war, den Anschluss an die Welt verloren hatte. Und Gorbatschow als neuem Parteichef die M\u00f6glichkeit gab, seine Vorstellungen umzusetzen. Pl\u00f6tzlich kam die Bewegung aus Moskau selbst. Die Logik bis dahin war doch, dass Moskau uns immer vorgegeben hat, wo es langzugehen hat. Das war bis 1985 immer negativ. Und ab diesem Kurswechsel 1985 sehr positiv. Nach der alten Logik h\u00e4tten die Machthaber in der Peripherie wie Erich Honecker und Gustav Husak ihre Truppen nach Moskau schicken m\u00fcssen, um diese Bewegung niederzuschlagen. Dass das angesichts der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse nicht m\u00f6glich war, ist klar. Das war die elementare Ver\u00e4nderung, die es gab. Und weniger das Entstehen einer Opposition.<\/p>\n<p><strong>Vaclav Havel:<\/strong> Trotzdem war die Opposition wichtig. Zum ersten, weil die Oppositionellen Zeugnisse des Geschehens nach au\u00dfen gebracht haben, eine \u00d6ffentlichkeit geschaffen haben, Zum zweiten war die Opposition wichtig, weil aus ihren Reihen Strukturen und Menschen kamen, die bei der Macht\u00fcbernahme 1989 in den Startl\u00f6chern standen. Man konnte die Verantwortung ja nicht einfach beliebigen Passanten \u00fcberlassen. Es waren zwar viele Leute, die keine politische Ausbildung hatten, die aber trotzdem durch ihre Arbeit in der Opposition zumindest gewisse politische Erfahrungen und eine gewissen Prominenz hatten. Wer sonst h\u00e4tte damals mit der kommunistischen Partei verhandeln k\u00f6nnen? Das konnten nur die unabh\u00e4ngigen Initiativen tun.<\/p>\n<p><strong>Gerd Poppe:<\/strong> Ich m\u00f6chte an diesem Punkt Arnold Vaatz ebenfalls ein wenig widersprechen. Das Imperium war am Br\u00f6ckeln. Und Gorbatschows Ziel war nicht, Demokratie herzustellen, sondern das kommunistische System aufrechtzuerhalten. Das Imperium musste sich bewegen, wenn es noch eine \u00dcberlebenschance haben musste. Die entscheidenden Impulse zu der Erkenntnis, dass das nicht mehr mit Repression geht, kamen aus den mitteleurop\u00e4ischen L\u00e4ndern, aus Polen zum Beispiel, wo sich trotz Verbots und Verfolgung die Solidarno\u015b\u0107 als politische Kraft etabliert hatte.<\/p>\n<p><strong>Roland Jahn:<\/strong> Die Oppositionellen waren nat\u00fcrlich wenige und man kann sich fragen, wie gro\u00df ihre Rolle eigentlich war. Aber das entscheidende, was wir feiern sollten, ist der Sieg der Hoffnung \u00fcber die Resignation, den Sieg \u00fcber die Angst. Hier haben die wenigen Oppositionellen eine wichtige Rolle gespielt. Solidarno\u015b\u0107 oder die Charta 77 waren doch in diesen dunklen Jahren ein Hoffnungsschimmer, dass sich etwas \u00e4ndern kann. Oppositionelle, die ihre Angst ablegten und sich offen auflehnten, waren auch f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung ein gro\u00dfer Ansto\u00df daf\u00fcr, ihre Angst vor dem Regime abzulegen. Wenn die Menschen die Angst ablegen, ist das fsd Ende der Diktatur. Dieses Ende der Angst 1989 sollten wir feiern.<\/p>\n<p><strong>Vaclav Havel:<\/strong> Zu Gorbatschow stimmen beide Meinungen. Zum einen hat er versucht, das kommunistische Regime aufrechtzuerhalten. Zum anderen hat er genau damit zu dem Ende des Regimes beigetragen. Insofern ist er eine tragische Figur.<\/p>\n<p><strong>Markus Meckel:<\/strong> Wir k\u00f6nnen aus dieser Analyse lernen, wie wir heute in der deutschen, tschechischen, europ\u00e4ischen Au\u00dfenpolitik mit totalit\u00e4ren Regimen anderswo umgehen. Was wir mit unseren Mitteln tun k\u00f6nnen, um die Zivilgesellschaft, die Demokratie dort zu bef\u00f6rdern.<\/p>\n<p><strong>Vaclav Havel:<\/strong> Das denke ich auch. Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, st\u00e4ndig an das Unrecht in Diktaturen heute zu erinnern, egal was das f\u00fcr L\u00e4nder sind, egal was das f\u00fcr eine Diktatur ist, eine rechte wie in Birma oder eine linke wie in Kuba. Wir sind verpflichtet, uns dazu bei jeder Gelegenheit zu \u00e4u\u00dfern, schon aus unserer Erfahrung als einstige Oppositionelle in einer Diktatur heraus, wie wichtig damals f\u00fcr uns internationale Solidarit\u00e4t war.<\/p>\n<p><strong>Arnold Vaatz:<\/strong> Ich wollte auch nicht bestreiten, dass die Opposition in Tschechien und den anderen Ost-Block-Staaten eine wichtige Rolle gespielt hat. Aber es war nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass der Weg der Geschichte gerade so ging. Es gab damals zwei gro\u00dfe kommunistische F\u00fchrer, die bemerkten, dass ihr System in einer Sackgasse gelandet ist. Beiden war klar, dass ihr Sozialismus auf zwei F\u00fc\u00dfen steht, dem Volkseigentum an den Produktionsmitteln und dem Ein-Parteien-System. Der eine, Gorbatschow, meinte, der Erfolg des Westens best\u00fcnde im Wettbewerb der Ideen. Insofern gab er diesen Wettbewerb der Ideen frei und versuchte daf\u00fcr, den anderen Teil, die sozialistische Produktionsweise zu erhalten. Und der andere meinte, der Erfolg des Westens beruhe auf dem Wettbewerb in der Wirtschaft. Er liberalisierte die Wirtschaft, lie\u00df Wettbewerb zu. Und erhoffte sich dadurch eine konkurrenzf\u00e4hige Wirtschaft und Wohlstand in der Bev\u00f6lkerung. Um damit das andere Bein seiner kommunistischen Diktatur zu erhalten, das Ein-Parteien-System. Und an der Macht zu bleiben. Dieser andere war der chinesische F\u00fchrer Deng Xiaoping. Gorbatschows Land, die Sowjetunion ist von der Landkarte verschwunden. Und Deng Xiaopings Land ist heute eine wirtschaftliche Weltmacht, Herausforderer des Westens. Was w\u00e4re geworden, wenn damals auch Gorbatschow den chinesischen Weg gegangen w\u00e4re? Und was w\u00e4re dann aus uns geworden? Insofern haben wir Gorbatschow nicht vieles, sondern alles zu verdanken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2009 verlieh SUPERillu dem tschechischen Freiheitshelden, Pr\u00e4sidenten und B\u00fcrgerrechtler Vaclav Havel die Goldene Henne. Im Rahmen seiner Reise zur Preisverleihung reiste er nach Berlin. 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