define('DISALLOW_FILE_EDIT', true);
define('DISALLOW_FILE_MODS', true);{"id":162,"date":"2014-05-25T17:39:30","date_gmt":"2014-05-25T16:39:30","guid":{"rendered":"http:\/\/east-blog.de\/?p=162"},"modified":"2014-05-25T17:39:30","modified_gmt":"2014-05-25T16:39:30","slug":"die-nkwd-akte-klitschko-das-drama-der-familie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geraldpraschl.de\/?p=162","title":{"rendered":"Die NKWD-Akte Klitschko. Das Drama der Familie"},"content":{"rendered":"<p>Von Gerald Praschl<\/p>\n<p><strong>Klitschko. <\/strong>Auf Ukrainisch bedeutet dieser Name \u201eDer Rufer\u201c. Die Vorfahren der Klitschkos sind Kosaken und Juden aus der Ukraine, bettelarme Kleinbauern. Wladimir, 37, und Vitali, 42, Klitschko f\u00fchren ein ganz anderes Leben. Ihr Erfolg beim Boxen hat sie ber\u00fchmt und reich gemacht. Ihre Namen kennt die ganze Welt. Gerade macht Wladimir durch seine Verlobung mit dem US-Film-Star Hayden Panettiere, 24, Schlagzeilen. Der Zweimeter-H\u00fcne und die 1,53 kleine Hollywood-Schauspielerin sind derzeit eines der bekanntesten Glamour-P\u00e4rchen. K\u00fcrzlich gaben sie ihre Velobung bekannt, in US-Talkshows erz\u00e4hlt Hayden von den Hochzeitsvorbereitungen.<\/p>\n<p><strong>Das Leben im Olymp.<\/strong> Als Wladimir Anfang Oktober in der Olympischen Halle von Moskau gegen den russischen Boxer Alexander Powetkin antritt, sitzt Hayden mit am Ring. Der Kampf wird in \u00fcber 100 L\u00e4nder live \u00fcbertragen, alleine in Deutschland schauen 12 Millionen zu, jeder siebte Deutsche. Sie verfolgen, wie Klitschko, der ukrainische \u201eDoktor Stahlhammer\u201c, seinen deutlich unterlegenen russischen Gegner vor sich durch den Ring scheucht. Wladimir, Tr\u00e4ger von vier der f\u00fcnf g\u00e4ngigen globalen Box-Champion-Titel im Schwergewicht, bleibt bis auf Weiteres der beste Boxer der Welt. Der f\u00fcnfte Titel, den der in Mexiko residierende World Boxing Council WBC vergibt, ist bisher f\u00fcr ihn tabu &#8211; den h\u00e4lt sein Bruder Vitali, und die beiden haben ihrer Mutter Nadeshda bekanntlich versprochen, nie gegeneinander zu boxen. Vitalis letzter Kampf ist schon ein Jahr her, ebenfalls in der Moskauer Olympiahalle. Sein Gegner, Manuel Charr, der nach heftigen Treffern so stark blutete, dass der Ringrichter damals schon in der vierten Runde auf technisches K.O. entschied.<br \/>\n<strong>Der Kampf f\u00fcr ein Land<\/strong>. Doch bald ist auch Vitalis WBC-Titel f\u00fcr Wladmir erreichbar, denn es k\u00f6nnte sein, dass sein \u00e4lterer Bruder ihn kampflos abgibt. Er k\u00e4mpft nun einen wichtigeren Kampf. Mit ungewisser Dauer. Und ungewissem Ausgang. Es ist ein Kampf um das Land, das er so liebt. Seine Ukraine. Am Sonntag, dem 8. Dezember 2013 steht er im eisigen Wind auf dem zentralen Platz der ukrainischen Hauptstadt Kiew, dem \u201eMajdan\u201c und spricht vor hunderttausenden Menschen. Der Pr\u00e4sident sei ein \u201eDiktator\u201c. Die Regierung begehe \u201eHochverrat\u201c. Sie m\u00fcssten allesamt weg. Und den Weg freimachen, f\u00fcr eine neue, der Zukunft zugewandte Ukraine. Eine die nicht von korrupten Kleptokraten regiert wird. In der es endlich mit der Wirtschaft aufw\u00e4rts geht, der die jungen Menschen nicht scharenweise davonlaufen. Er droht mit einem Generalstreik. Fordert eine Neuwahl. Und er hat eine klare Vorstellung, wie diese ausgehen soll: Er selbst will Pr\u00e4sident werden und sein Land zu einem Teil der EU und des \u201eWestens\u201c machen.<br \/>\nEr k\u00f6nnte jetzt stattdessen mit seiner wundersch\u00f6nen Natalia, 39, mit der er drei Kinder hat, Yegor, Elisabeth und Max, irgendwo in einer Villa in S\u00fcd-Frankreich oder in der Karibik unter Palmen sitzen und Cham-pagner trinken. Das Leben genie\u00dfen wie viele andere neureiche Ukrainer oder Russen es tun, die sich weit weniger f\u00fcr ihren Reichtum anstrengen mussten, als er das getan hat, mit seinen F\u00e4usten und im Schwei\u00dfe<br \/>\nseines Angesichts.<br \/>\nWarum tut er sich das an? In einem ukrainischen Dorf, Wilschany, 170 Kilometer s\u00fcd\u00f6stlich von Kiew und in einer Akte der sowjetischen Geheimpolizei NKWD (Vorl\u00e4ufer des KGB), die ein Buchautor in Kiew jetzt fand, liegt die Antwort. Wilschany. Das ist das Dorf, in dem die Vorfahren der Klitschkos jahrhundertelang lebten. Nicht weit vom Dnepr, dem gro\u00dfen Flu\u00df der Ukraine, der so viel Leid gesehen hat wie kein anderer in Europa. Auch das Leid der Klitschkos.<br \/>\n<strong>Das Drama der Klitschkos.<\/strong> Der Gro\u00dfvater der ber\u00fchmten Boxer-Br\u00fcder, Rodion Klitschko, w\u00e4chst hier, noch zur Zarenzeit, auf. Als er 23 ist, Stalin schon an der Macht und die \u00f6stliche H\u00e4lfte der Ukraine schon Teil der neuen Sowjetunion, wird er im Herbst 1933 Unteroffizier des \u201eNKWD\u201c, Stalins gef\u00fcrchteter Geheimpolizei. Die \u00f6stliche Ukraine ist gerade zum Schauplatz eines V\u00f6lkermords geworden. Eben jene Geheimpolizei NKWD \u00fcberzieht die ukrainische Landbev\u00f6lkerung, religi\u00f6s, konservativ und vom neuen kommunistischen System nicht begeistert, in den Jahren 1932 und 1933 auf Stalins Befehl hin mit t\u00f6dlichem Terror. Die Poizisten nehmen den ukrainischen Bauern alle Lebensmittel weg. Und das Saatgut. Binnen Monaten sterben mindestens 3,3 Millionen Ukrainer an Hunger, auch Mitglieder der Klitschko-Familie. Als die Sowjetarmee nach dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 in Polen einmarschiert, macht Rodion Klitschko dort Jagd auf \u201eukrainische Nationalisten\u201c. Seine NKWD-Personalakte erw\u00e4hnt lobend, dass er an der Verhaftung dreier ukrainischer Widerstandsk\u00e4mpfer beteiligt ist. Zwei werden hingerichtet, einer nach Sibirien deportiert.<br \/>\n<strong>Der ermordete Onkel.<\/strong> Doch Rodion Klitschko wird bald selbst vom T\u00e4ter zum Opfer totalit\u00e4rer Gewalt. 1941 marschieren die Deutschen in der Ukraine ein. Rodion wird von der Front \u00fcberrollt, taucht unter. Seine j\u00fcdische Frau Tamara, ihr gemeinsamer Sohn Wladimir und seine j\u00fcdischen Schwiegereltern dagegen werden von den deutschen Besatzern in einem \u201eGhetto\u201c der nahen Kleinstadt Smela interniert. Rodion schafft es noch, seine Frau durch List dort herauszuschleusen. F\u00fcr seinen kleinen dreij\u00e4hrigen Sohn Wladimir, dem Onkel der Boxer, und f\u00fcr ihre Urgro\u00dfeltern kommt die Hilfe zu sp\u00e4t. In derselben Nacht werden sie, wie Tausende andere j\u00fcdische Ghetto-Bewohner, erschossen. Einheiten der deutschen SS, der Wehrmacht und ukrainische Helfer ermorden damals, im Herbst 1941, in der ganzen Ukraine systematisch Hunderttausende Juden. Alleine in Kiew werden binnen zwei Tagen mindestens 33\u2009000 Juden in der Schlucht von Babi Yar erschossen.<br \/>\nGro\u00dfvater Rodion taucht in einem kleinen Dorf unter und versteckt seine j\u00fcdische Frau dort zwei Jahre lang vor den Razzien der Deutschen &#8211; in einer Truhe, in die er Luftl\u00f6cher gebohrt hat. Nachdem die Sowjets die Ukraine 1943\/44 zur\u00fcckerobern, meldet er sich bei seinem alten Arbeitgeber, der sowjetischen Geheimpolizei, zur\u00fcck. Er wird laut Akte lange verh\u00f6rt, soll erkl\u00e4ren, wieso er sich versteckte statt zu k\u00e4mpfen. Am Ende wird er wieder eingestellt.<br \/>\n<strong>Das Schicksal Verbannung.<\/strong> Doch das Schicksal schl\u00e4gt schnell erneut zu. Offiziell wegen eines Dienstvergehens wird Geheimpolizist Rodion Klitschko im April 1948 nach \u201eParagraf 33 der Ordnung \u00fcber den Milit\u00e4rdienst\u201c entlassen. Und nicht nur das. Rodion und Tamara Klitschko werden in den asiatischen Osten der Sowjetunion, nach Kirgisien, deportiert, 4\u2009000 Kilometer entfernt von der europ\u00e4ischen Ukraine. M\u00f6glicherweise ist der Grund auch die j\u00fcdische Herkunft von Tamara Klitschko. In der Sowjetunion werden auf Stalins Gehei\u00df damals viele Juden verfolgt, entlassen, verbannt oder gar umgebracht. In der Geheimdienst-Akte Klitschko ist dar\u00fcber nichts vermerkt.<br \/>\nDer kleine Sohn des Paares, 1947 geboren, ist damals erst ein Jahr alt. Seine Eltern nennen ihn ebenfalls Wladimir, wie seinen von den Nazis ermordeten Bruder. Er wird der Vater der beiden Boxer sein. In den 60er-Jahren meldet er sich zur Armee und macht steile Karriere, als Offizier der sowjetischen Atomwaffen-Truppe. Er heiratet Nadeshda, eine Lehrerin. Ihr erster Sohn Vitali wird 1971 noch in Kirgisien geboren. Sein Bruder Wladimir kommt in Semipalatinsk zur Welt, wo der Vater stationiert wird, nahe dem Atomwaffen-Testgel\u00e4nde der Sowjetunion. 1985 wird der Vater nach Kiew versetzt. Die Klitschkos sind wieder zu Hause, in der Ukraine. Vater Wladimir ist nun Oberst, wird in den 90er-Jahren zum General bef\u00f6rdert.<br \/>\n<strong>Der Weg von ganz unten.<\/strong> 1991 sind die Klitschko-Br\u00fcder 15 und 20 Jahre alt &#8211; und im Armeesportklub bereits die besten Boxer. Die 90er-Jahre, die sie hier erleben, sind f\u00fcr ihr Land eine schwere Zeit. Der Zusammenbruch der Sowjetunion bringt neue Freiheit. Aber auch einen Zusammenbruch der \u00f6ffentlichen Ordnung und der Wirtschaft. Da gibt es auch dunkle Flecken auf der wei\u00dfen Weste der Klitschkos. Zu einem Schutzgelderpresser, genannt Rybko, \u201edas Fischchen\u201c, sollen die schlagkr\u00e4ftigen Br\u00fcder damals engen Kontakt gehabt haben, hat Buchautor Leo Linder recherchiert, dessen Klitschko- Biografie jetzt erscheint, und der auch die NKWD-Akte Klitschko auf verschlungenen Wegen fand. Mafiapate Rybko habe die fr\u00fche Boxerkarriere der Klitschkos finanziert, schreibt Linder. 2005 wird Rybko in Kiew auf offener Stra\u00dfe erschossen. Wie gef\u00e4hrlich Vitali Klitschko heute als Politker in Kiew lebt, wird er nur selbst beurteilen k\u00f6nnen. \u201eEs wird mein brutalster Kampf hier in der Ukraine, denn es ist ein Kampf ohne Regeln\u201c, sagte er letzte Woche einem Reporter der Bild-Zeitung, der ihn dort traf. Wenn es sein m\u00fcsse, ginge er daf\u00fcr auch ins Gef\u00e4ngnis. Wie Julia Timoschenko, deren \u201eVaterlandspartei\u201c der engste Verb\u00fcndete von Klitschkos Partei Udar (\u201eDer Schlag\u201c) ist. Er ist ein Klitschko. Und die haben schon Schlimmeres durchgestanden.<\/p>\n<p>Erschienen in SUPERillu Heft 51\/2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Gerald Praschl Klitschko. Auf Ukrainisch bedeutet dieser Name \u201eDer Rufer\u201c. Die Vorfahren der Klitschkos sind Kosaken und Juden aus der Ukraine, bettelarme Kleinbauern. Wladimir, 37, und Vitali, 42, Klitschko f\u00fchren ein ganz anderes Leben. Ihr Erfolg beim Boxen hat sie ber\u00fchmt und reich gemacht. Ihre Namen kennt die ganze Welt. Gerade macht Wladimir durch &hellip; <a href=\"https:\/\/geraldpraschl.de\/?p=162\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Die NKWD-Akte Klitschko. 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