define('DISALLOW_FILE_EDIT', true);
define('DISALLOW_FILE_MODS', true);{"id":284,"date":"2014-03-23T18:30:31","date_gmt":"2014-03-23T17:30:31","guid":{"rendered":"http:\/\/east-blog.de\/?p=284"},"modified":"2014-03-23T18:30:31","modified_gmt":"2014-03-23T17:30:31","slug":"der-majdan-in-kiew-und-die-juden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geraldpraschl.de\/?p=284","title":{"rendered":"Der Majdan in Kiew und die Juden"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 14px; line-height: 1.5em;\">Ist die neue, aus der Kiewer Februar-Revolution entstandene Regierung der Ukraine ein Hort von \u201eFaschisten\u201c und \u201eAntisemiten\u201c? Wie ist das mit der \u201eSwoboda\u201c- Partei in dieser Regierung? Nicht nur in den Nachrichtensendungen des russischen Fernsehens und von offiziellen Vertretern der russischen Regierung wird das behauptet. Auch in vielen deutschen TV-Talkshows und auch im deutschen Bundestag ist das ein Thema.<\/span><\/p>\n<p>Was sagt einer, der es wissen muss? <strong>Josef Zissels, 67,<\/strong> ist einer der f\u00fchrenden Funktion\u00e4re der Juden in der Ukraine.<\/p>\n<p>Josef Zissels, \u00a0\u0419\u043e\u0441\u0438\u0444 \u0421\u0430\u043c\u043e\u0439\u043b\u043e\u0432\u0438\u0447 \u0417\u0438\u0441\u0435\u043b\u044c\u0441 (<a href=\"http:\/\/ru.wikipedia.org\/wiki\/%D0%97%D0%B8%D1%81%D0%B5%D0%BB%D1%8C%D1%81,_%D0%99%D0%BE%D1%81%D0%B8%D1%84_%D0%A1%D0%B0%D0%BC%D0%BE%D0%B9%D0%BB%D0%BE%D0%B2%D0%B8%D1%87\">http:\/\/ru.wikipedia.org\/wiki\/%D0%97%D0%B8%D1%81%D0%B5%D0%BB%D1%8C%D1%81,_%D0%99%D0%BE%D1%81%D0%B8%D1%84_%D0%A1%D0%B0%D0%BC%D0%BE%D0%B9%D0%BB%D0%BE%D0%B2%D0%B8%D1%87<\/a>)\u00a0stammt aus dem heutigen Moldawien, die gesamte Familie seines Vaters Samuel starb dort w\u00e4hrend der deutschen Besatzung im j\u00fcdischen Ghetto, ermordet von den nazideutschen Besatzern. \u00a0Er wuchs im damals sowjetischen Tschernowitz\u00a0 (Ukraine) auf, studierte dort Physik und leistete seinen Wehrdienst\u00a0 bei der sowjetischen Schwarzmeerflotte. Seit Anfang der 70er Jahre war er oppositionell aktiv, wurde zur Sowjetzeit mehrmals inhaftiert, unter anderem wegen \u201eVerleumdung des Sowjetstaates\u201c, zuletzt drei Jahre, bis 1987 in einem Straflager \u201eversch\u00e4rften Regimes\u201c. Seit 1991 ist er, bis heute, Vorsitzender der J\u00fcdischen Organisationen und Gemeinden der Ukraine VAAD (\u0410\u0441\u0441\u043e\u0446\u0438\u0430\u0446\u0438\u0438 \u0435\u0432\u0440\u0435\u0439\u0441\u043a\u0438\u0445 \u043e\u0440\u0433\u0430\u043d\u0438\u0437\u0430\u0446\u0438\u0439 \u0438 \u043e\u0431\u0449\u0438\u043d) und heute auch Mitglied des J\u00fcdischen Weltkongresses.<\/p>\n<p>Wie ist das mit der \u201eSwoboda\u201c, die in der neuen Regierung drei Mitglieder stellt?\u00a0 Ja, sagt Zissels, dass sei ein Problem, aber derzeit sicher nicht das gr\u00f6\u00dfte in der Ukraine. \u201eSwoboda ist eine nationalistische, populistische Partei, die radikale Demagogie betreibt. Aber keine in erster Linie antisemitische Partei, auch wenn Antisemiten in ihren Reihen sind.\u201c Man beobachte sehr genau, was heutige Swoboda-Politiker in den letzten 20 Jahren ge\u00e4u\u00dfert h\u00e4tten. Antisemitismus sei in der Parteibasis sehr verbreitet. Auch den Parteivorsitzenden Oleh Tyahnybok halte er f\u00fcr einen Antisemiten, auch wenn sich dieser in den letzten zehn Jahren in der \u00d6ffentlichkeit nicht antisemitisch ge\u00e4u\u00dfert habe. \u201eKeiner der Swoboda-Abgeordneten hat in Parlamenten in den letzten 10 Jahren je ein antisemitisches Wort fallen lassen\u201c. Und weiter: \u201eEs gibt drei von 37 derzeitigen Swoboda-Abgeordneten, die auf ihren Webseiten antij\u00fcdische Polemik benutzt haben, aber keiner von diesen ist in der Regierung.\u201c<\/p>\n<p>In der Ukraine m\u00fcsse man zwischen \u201erechtsradikal\u201c und \u201eantisemitisch\u201c trennen. Zissels: \u201eDie haupts\u00e4chlichen Vorbehalte von Swoboda-W\u00e4hler richten sich nicht gegen Juden, sondern gegen die russische Macht.\u201c \u00a0Auch der im Februar gest\u00fcrzte Pr\u00e4sident Wiktor Janukowitsch habe sich in der Bev\u00f6lkerung verbreiteter antisemitischer Stereotypen bedient. \u201e Viele Webseiten seiner Unterst\u00fctzer im Pr\u00e4sidentenwahlkampf 2010 waren voller antisemitischer \u00c4u\u00dferungen bis zu der Behauptung, die Demokratiebewegung auf dem Majdan 2004 w\u00e4re von Juden organisiert worden\u201c, so Zissels. Die Swoboda-Partei sei auch von Janukowitsch nahestehenden Oligarchen unterst\u00fctzt worden. Den im Westen \u2013 und in Russland \u2013 vielzitierten \u201eRechten Sektor\u201c sieht Zissels als \u201evor drei Monaten noch gar nicht existent\u201c und aus \u201eAbspaltungen marginaler rechtsradikaler Gruppen\u201c bestehend. Er fordere von der neuen Regierung aber Aufkl\u00e4rung dar\u00fcber, wer diesen \u201eRechten Sektor\u201c finanziere.<\/p>\n<p>Vehement widerspricht Zissels der Darstellung, die neue ukrainische Regierung sei antisemitisch oder faschistisch. Die russische F\u00fchrung unter Putin, so Zissels, missbrauche dieses Zerrbild als Legitimation f\u00fcr ihren Einmarsch in die Ukraine. Putin missbrauche, so sein Vorwurf, damit auch die Juden f\u00fcr seine Zwecke, dagegen verwehre er sich.<\/p>\n<p>Viele Juden in der Ukraine h\u00e4tten die Majdan-Bewegung unterst\u00fctzt. Drei der etwa hundert Todesopfer der Revolution seien Juden, viele j\u00fcdische Vertreter h\u00e4tten auch auf der B\u00fchne auf dem Majdan gesprochen. Umgekehrt sei, nicht in Kiew, aber in Lemberg, einem Swoboda-Vertreter der Zugang zur dortigen \u201eMajdan\u201c-B\u00fchne verwehrt worden. Das W\u00e4hlerpotential der \u201eSwoboda\u201c werde, so Zissels, allgemein \u00fcbersch\u00e4tzt. Bei der letzten Wahl, 2012, h\u00e4tte die \u201eSwoboda\u201c statt vorher unter zwei Prozent vor allem auch deswegen knapp \u00fcber 10 Prozent bekommen, weil sich ihre F\u00fchrer seit Jahren jeder antisemitischen \u00c4u\u00dferung enthielten und damit f\u00fcr weitere Kreise w\u00e4hlbar geworden seien.<\/p>\n<p>Er selbst, stellte Zissels klar, verbinde mit der Februarrevolution in Kiew und der Majdan-Bewegung die gro\u00dfe Hoffnung, dass sein Land den Aufbruch nach Europa schaffe. Viele Ukrainer seien bereit, ihr Leben daf\u00fcr zu riskieren, dass \u201ealles Gute von Europa in die Ukraine importiert wird\u201c. Wenn Putin das akzeptiert, werden wir kein Problem mit ihm haben. Ich glaube nur nicht, dass er das akzeptiert.\u201c<\/p>\n<p>Die Ukraine, einst Wohnort von Millionen Juden, wurde im 20. Jahrhundert zu einem Haupt-Schauplatz des von Nazi-Deutschland initiierten Holocaust, am Rande hunderter St\u00e4dte und Gemeinde sind bis heute Massengr\u00e4ber von dort von deutschen Sonderkommandos ermordeten Juden, mindestens 700 000 Menschen. Auch zur Sowjetzeit wurden Juden zeitweise verfolgt und deportiert. Nach dem Ende der Sowjetunion wanderten viele ukrainische Juden nach Israel, in die USA und Deutschland aus.<\/p>\n<p>Zur Zahl der heute noch dort lebenden Juden sagt Zissels: \u201eEs gibt in der Ukraine ungef\u00e4hr 80 000 Menschen, die nach den alten sowjetischen Zensus-Kriterien, also Vater und Mutter Jude, als Juden gelten, gem\u00e4\u00df dem letzten Zensus vor 11 Jahren.\u00a0 Nach halachischen Kriterien, also Mutter J\u00fcdin, oder ins Judentum Eingetretene, sind es etwa 150 000 bis 160 000. Und nach den Kriterien der j\u00fcdischen Einwanderung in Israel oder Deutschland, also Menschen mit j\u00fcdischen Vorfahren, d\u00fcrften es etwa 300 000 Personen sein. Die Auswanderungsbereitschaft nimmt aber ab, pro Jahr sind das etwa 2000 Menschen. Gleichzeitig gibt es auch viele Juden, die aus Israel zur\u00fcckkehren, die Statistik ist derzeit fast ausgeglichen. Es gibt also keine j\u00fcdische Fluchtwelle aus der Ukraine. Ich selbst lebe in der Ukraine, weil es meine Heimat ist. Ich bin dort schon mein ganzes Leben, es ist das Land, in dem meine Eltern gestorben und begraben sind. Das Land, in dem ich zur Sowjetzeit Dissident war. Ich glaube nicht, dass ich mich in einem anderen Land besser frei entfalten k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<p>Der Autor traf Josef Zissels im Rahmen dessen Besuches in Berlin am 20. M\u00e4rz 2014 bei Vertretern des deutschen Judentums und Journalisten auf Einladung der Berliner j\u00fcdischen \u201eInitiative Shalom\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist die neue, aus der Kiewer Februar-Revolution entstandene Regierung der Ukraine ein Hort von \u201eFaschisten\u201c und \u201eAntisemiten\u201c? Wie ist das mit der \u201eSwoboda\u201c- Partei in dieser Regierung? Nicht nur in den Nachrichtensendungen des russischen Fernsehens und von offiziellen Vertretern der russischen Regierung wird das behauptet. 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