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define('DISALLOW_FILE_MODS', true);{"id":501,"date":"2015-02-03T16:15:12","date_gmt":"2015-02-03T15:15:12","guid":{"rendered":"http:\/\/east-blog.de\/?p=501"},"modified":"2015-02-03T16:15:12","modified_gmt":"2015-02-03T15:15:12","slug":"501","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geraldpraschl.de\/?p=501","title":{"rendered":"Der Tag, an dem Auschwitz befreit wurde"},"content":{"rendered":"<p>Autor: Gerald Praschl, erschienen in SUPERillu Heft 6\/2015.<\/p>\n<p>Es war am 27. Januar 1945 um drei Uhr nachmittags, als ein Sto\u00dftrupp der \u201e60. Armee\u201c der \u201e1.Ukrainischen Front\u201c die einstige Kaserne im polnischen O\u015bwi\u0119cim erreichte. Kommandant der Einheit war ein ukrainischer Jude: Anatoly Shapiro aus Charkiw, 32 Jahre alt, im Zivilberuf Ingenieur. <!--more-->Nachdem seine M\u00e4nner unter gro\u00dfen Verlusten eine letzte Wehrmachtseinheit niedergek\u00e4mpft hatten, \u00f6ffnete Shapiro das Tor zu dem Lager \u201eAuschwitz 1\u201c: \u201eDas erste, was ich sah, waren Menschen, die im Schnee standen. Sie waren so schwach, dass sie nicht einmal ihre K\u00f6pfe zu uns drehen konnten. Wir sprachen sie an: \u201aDie Rote Armee ist gekommen, um euch zu befreien!\u2018 Sie haben uns erst nicht geglaubt\u2009&#8230;\u201c Am n\u00e4chsten Tag erreichten die Sowjets auch das nahe \u00a0Lager Auschwitz-Birkenau, das eigentliche Vernichtungslager. \u201eGefangene in gestreifter Kleidung kamen auf uns zu. Sie waren nur noch Skelette\u2009&#8230;\u201c, erinnert sich einer der Soldaten, Jakow Winnitschenko. Erst langsam wird den Befreiern die ganze grausame Wahrheit offenbar.<\/p>\n<p>Neben zahllosen Toten sto\u00dfen sie auf 7\u2009000 \u00dcberlebende. In den Wochen danach finden sie 1,2 Millionen Kleidungsst\u00fccke, 43\u2009000 Paar Schuhe, Berge von Zahnb\u00fcrsten und Brillen. Und sieben Tonnen Haare, die man den Opfern vor ihrer Ermordung abschnitt. Die SS verkaufte diese Haare an die Textilindustrie. Wertsachen und sogar das Zahngold der Opfer wurden ebenfalls von der SS gewinnbringend verwertet. Der Holocaust war auch ein Raubmord.<\/p>\n<p>Andere Spuren wurden von den T\u00e4tern noch verwischt: Sie sprengten die Gaskammern, z\u00fcndeten die Baracken an, in denen Millionen weiterer Kleidungsst\u00fccke lagerten, stumme Zeugen des Massenmords. Bis heute ist deshalb unklar, wie viele Menschen hier wirklich ermordet wurden. Die meisten Forscher gehen von 900\u2009000 bis 1,1 Millionen aus. Dabei war Auschwitz nur ein Teil der Nazi-Mordmaschinerie. Es gab noch weitere Vernichtungslager: Treblinka (1 Million Opfer), Belzec (430\u2009000 Opfer), Sobibor (250\u2009000) und Kulmhof (200\u2009000). Dort wurden die Opfer, Juden, aber auch Roma und sowjetische Kriegsgefangene, direkt nach ihrer Ankunft ausnahmslos ermordet. Au\u00dfer einigen Dutzend Menschen, die fliehen konnten, gab es dort keine \u00dcberlebenden. Auch in Auschwitz wurden die meisten Opfer direkt von den Z\u00fcgen, mit denen man sie aus ganz Europa hierher deportierte, in die Gaskammern gebracht. Daneben \u201eselektierte\u201c die SS aber auch \u201eArbeitsf\u00e4hige\u201c aus, die Zwangsarbeit leisten muss\u00adten, unter anderem in einem \u00f6rtlichen Zweigbetrieb der Schkopauer Buna-Werke. Deshalb gab es in Auschwitz eine kleine \u00dcberlebenschance, auch wenn die Zwangsarbeiter meist nur zwei oder drei Monate durchstanden.<\/p>\n<p>Anders als die Konzentrationslager wie Dachau oder Buchenwald errichteten die Nazis die Vernichtungslager im Geheimen. Und nicht auf deutschem Gebiet, sondern im 1939 besetzten Polen. Auch wenn jeder Deutsche ahnen konnte, dass die Juden, die \u201eabgeholt\u201c wurden, nichts Gutes erwarten w\u00fcrde, wollten die Nazis die Zahl der Mitwisser damit klein halten. In den nach dem Einmarsch der Deutschen in die Sowjetunion 1941 eroberten Gebieten der Ukraine, Wei\u00dfrusslands und Russlands dagegen betrieben sie ihr Morden v\u00f6llig offen. Dort machten Sonderkommandos Jagd auf Juden. Meist wurden sie am Rande ihrer St\u00e4dte und D\u00f6rfer zu Hunderttausenden erschossen, ein \u201eHolocaust durch Kugeln\u201c, von dem dort heute zahllose, meist verwilderte Massengr\u00e4ber zeugen.<\/p>\n<p>Bei den N\u00fcrnberger Prozessen sowie von polnischen und sowjetischen Gerichten wurden in den ersten Nachkriegsjahren mehrere SS-T\u00e4ter zum Tode verurteilt und hingerichtet \u2013 wie der Kommandant von Auschwitz, Rudolf H\u00f6\u00df oder SS-Mann Paul Blobel. Der \u00dcberlebende Simon Wiesenthal machte auf eigene Faust Jagd auf die T\u00e4ter und half unter anderem bei der Verhaftung von Adolf Eichmann 1960 in Argentinien durch die Israelis. In der DDR lie\u00df das wegen seiner Willk\u00fcr umstrittene \u201eWaldheimer\u201c Sondergericht 1950 unter anderem Ernst Kendzia, mitverantwortlich f\u00fcr die Morde von Kulmhof, hinrichten. 1966 wurde in Leipzig der Auschwitz-Lagerarzt Horst Fischer exekutiert. In der Bundesrepublik passierte lange kaum etwas. Erst in den 60er-Jahren brachte ein j\u00fcdischst\u00e4mmiger Staatsanwalt, Fritz Bauer, in Frankfurt rund 20 Auschwitz-T\u00e4ter vor Gericht. Sie wurden zu Haftstrafen verurteilt. Die meisten Holocaust-T\u00e4ter, Zehntausende, blieben aber unbehelligt. Nicht nur, weil sie nicht ermittelt werden konnten, sondern auch weil manchmal selbst NS-belastete Juristen ihnen \u201eBefehlsnotstand\u201c oder gar \u201eideologische Verblendung\u201c zugute hielten. Erst in den letzten Jahrzehnten \u00e4nderte sich diese Rechtsauffassung. So kam es noch zu einigen sp\u00e4ten Prozessen. 2011 wurde ein SS-Helfer in Sobibor, Iwan Demjanjuk, verurteilt. 2013 der SS-Mann Hans Lipschis verhaftet, der beteuerte, in Auschwitz \u201enur Koch\u201c gewesen zu sein. Einen Prozess gab es nicht mehr, wegen Demenz wurde er wieder entlassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: Gerald Praschl, erschienen in SUPERillu Heft 6\/2015. Es war am 27. Januar 1945 um drei Uhr nachmittags, als ein Sto\u00dftrupp der \u201e60. Armee\u201c der \u201e1.Ukrainischen Front\u201c die einstige Kaserne im polnischen O\u015bwi\u0119cim erreichte. 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