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define('DISALLOW_FILE_MODS', true);{"id":573,"date":"2015-03-13T13:06:59","date_gmt":"2015-03-13T12:06:59","guid":{"rendered":"http:\/\/east-blog.de\/?p=573"},"modified":"2016-04-07T10:36:20","modified_gmt":"2016-04-07T08:36:20","slug":"was-valentin-falin-zur-russland-krise-sagt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geraldpraschl.de\/?p=573","title":{"rendered":"Was Valentin Falin zur Russland-Krise sagt"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit Valentin Falin, erschienen in SUPERillu Heft 12\/2015:<\/p>\n<p>Von seinem K\u00fcchenfenster in der Moskauer Bolschaja-Jakimanka-Stra\u00dfe aus kann <strong>Valentin Falin<\/strong> die T\u00fcrme des Kreml sehen. Falins Frau Nina, 59, serviert den SUPERillu-Redakteuren Gerald Praschl und Marc Kayser Kaffee. Die Drei-Zimmer-Wohnung der Falins gleicht einem Museum. Das Ehepaar lebt dort inmitten seiner Gem\u00e4ldesammlung, umgeben von Stilm\u00f6beln und Falins gro\u00dfer Bibliothek.<\/p>\n<p><strong>Moskau, Anfang M\u00e4rz 2015.<\/strong> Das Tagesgespr\u00e4ch der meisten Menschen ist \u201edie Krise\u201c. Und der Verfall des Rubels, der binnen eines Jahres fast die H\u00e4lfte seines Wertes verloren hat. F\u00fcr viele Russen hei\u00dft das: eisern sparen. Importwaren wurden bis zu hundert Prozent teurer, sind f\u00fcr viele Durchschnittsverdiener nun wieder unerschwinglich. \u00a0 Und auch die Besserverdienenden, von denen es in in der Zehn-Millionen-Stadt- Moskau viele Hunderttausend gibt, m\u00fcssen \u00fcberlegen, ob sie sich den Sommerurlaub \u201eim Westen\u201c, in der T\u00fcrkei, auf Zypern oder in \u00c4gypten, noch leisten k\u00f6nnen. Der Krieg in der Ost-Ukraine mag ein fernes Kanonen-grollen sein, dass die meisten Russen nur \u00fcbers Fernsehen erreicht. In ihrem Geldbeutel ist er aber bereits angekommen. Die Zeitungen sind am Morgen des Interviews voll mit einem Thema: dem Mord an dem Oppositionellen Boris Nemzow, der nicht weit von der Wohnung der Falins erschossen wurde.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Eine Tat, die auch Falin sehr besch\u00e4ftigt\u2009&#8230;<\/p>\n<p><strong>Herr Falin, viele Menschen in Russland und der ganzen Welt hat der Mord an dem bekannten russischen Oppositionellen Boris Nemzow geschockt. Was denken Sie dar\u00fcber?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin \u00fcber diese Tat sehr traurig. Wir wissen nicht, wer die T\u00e4ter waren, und ich bezweifle auch, dass dieses Verbrechen je aufgekl\u00e4rt wird. Das ist bei politischen Attentaten ja leider oft so. Ich kann nicht nachvollziehen, warum Menschen so extrem sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Die EU-Russland-Krise macht vielen Menschen in Ost und West Angst. M\u00fcssen wir uns vor einem Krieg in Europa f\u00fcrchten?<\/strong><\/p>\n<p>Unsere Doktrin war und bleibt: unteilbare internationale Sicherheit! Keiner in Russland plant, die Ukraine oder andere Staaten zu erobern. Ein Krieg gegen Europa w\u00e4re fatal f\u00fcr alle V\u00f6lker, niemand in meiner russischen Heimat will das. Ich vergleiche die Situation von heute aber mit der Zeit, als der Kalte Krieg begann. Genau wie damals lauern darin gro\u00dfe Gefahren.<\/p>\n<p><strong>Welche Gefahren sehen Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Im Kalten Krieg war die gr\u00f6\u00dfte Gefahr ein Kriegsausbruch aus Versehen. Ich erinnere mich da<br \/>\nan viele gef\u00e4hrliche Situationen. Etwa 1961, als wir die Information bekamen, dass die Amerikaner mit Bulldozern die Berliner Mauer abrei\u00dfen wollten. Und Chruschtschow befahl, in diesem Fall sofort das Feuer zu er\u00f6ffnen. Ich erinnere mich auch daran, wie aggressiv die Amerikaner auftraten. Sie<br \/>\nflogen mit Spionageflugzeugen \u00fcber unser Territorium. Und US-<br \/>\nU-Boot-Kommandanten hatten den Befehl, auf eigene Faust ihre Atomraketen abzuschie\u00dfen, wenn sie f\u00fcr mehr als sechs Stunden keinen Kontakt zur Zentrale haben. Oder denken Sie nur an die Kuba-Krise. Nur zwei Menschen in der US-F\u00fchrung waren damals dagegen, Kuba anzugreifen, was einen Weltkrieg ausgel\u00f6st h\u00e4tte: die Kennedy-Br\u00fcder.<\/p>\n<p><strong>Nicht nur die ukrainische Regierung, sondern auch viele westliche Regierungen werfen Putin vor, dass Russland in der Ost-Ukraine mit Waffen und Soldaten einen Krieg ohne Kriegserkl\u00e4rung f\u00fchrt\u2009\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Ger\u00fcchte und Plaudereien sind kein Ersatz f\u00fcr Tatsachen.W\u00e4hrend des Kalten Krieges waren die ukrainischen Arsenale auch im Osten des Staates so dicht mit Waffen aller Art best\u00fcckt, dass diese f\u00fcr mehrere Kriege bis heute reichen w\u00fcrden.<br \/>\n<strong>Der Westen sieht Russland als Aggressor\u2009\u2026<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Das ist kein Novum. Russland, ob das zaristische, das sowjetische oder das heutige, war unentwegt Schuld an dem, was dem\u00a0 Geschmack und den Pl\u00e4nen Londons, Paris\u2019, Berlins und Washingtons nicht entsprach und entspricht. Kern dieser Russophobie ist, dass mein Land ihnen zu gro\u00df und zu reich an Natursch\u00e4tzen ist. Als jemand, der \u00fcber viele Jahrzehnte an der Au\u00dfenpolitik der Sowjetunion mitbeteiligt war, ziehe ich aus den Geschehnissen der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts folgende Lehre: Auf Washingtons Wort wie auch auf Versprechen seiner Gefolgschaft ist kein Verlass. Daf\u00fcr gibt es viele Belege. Ein Beispiel: Bei der Wiedervereinigung Deutschlands hat der Westen Moskau versichert, dass die \u201eNATO kein Zoll nach Osten r\u00fccken wird\u201c. Nun stehen NATO-Truppen 150 Kilometer von Sankt Petersburg entfernt.<\/p>\n<p><strong>Die NATO ist aber nicht einmarschiert. Sondern frei gew\u00e4hlte Regierungen haben dort, mit breiter Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung, die Mitgliedschaft in der EU und in der NATO angestrebt\u2009\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Solche freien Wahlen kann man bei der heutigen Kunst, das menschliche Bewusstsein zu klonen, doch arrangieren. Und wie w\u00e4re die Reaktion von Washington, wenn zum Beispiel irgendeine \u201efrei gew\u00e4hlte\u201c Regierung im karibischen Raum oder anderswo ihr Territorium f\u00fcr US-unfreundliche milit\u00e4rische St\u00fctzpunkte zur Verf\u00fcgung stellen w\u00fcrde?<\/p>\n<p><strong>Ein Grund, weshalb zum Beispiel die Baltischen Staaten in die NATO streben, war, dass sie sich vor Russland f\u00fcrchten. Ist diese Furcht berechtigt?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Wir haben uns verpflichtet, gute nachbarschaftliche Beziehungen mit den Baltischen Staaten zu pflegen, trotz aller Schikanen gegen die dort lebenden Russen.<\/p>\n<p><strong>Und wie ist das mit der \u00a0Ukraine? Russland hat die \u00a0Unabh\u00e4ngigkeit des Landes doch anerkannt, zuletzt im Abkommen von Budapest 1994. Und heute annektiert Russland die Krim. Und vielleicht auch bald das ukrainische Kriegsgebiet um Donezk\u2009\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Putin hat diesen Krieg nicht begonnen, und er ist deswegen auch nicht imstande, ihn zu beenden. Was die Krim angeht, waren dort 90 Prozent der Bev\u00f6lkerung daf\u00fcr, die willk\u00fcrliche Entscheidung Chruschtschows von 1954, die Krim an die Ukraine anzugliedern, r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen.<\/p>\n<p><strong>Was soll Putin tun?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe Generalsekret\u00e4re von Chruschtschow bis Gorbatschow beraten, auch wenn sie nicht immer auf mich geh\u00f6rt haben. Ich verfolge selbstverst\u00e4ndlich aufmerksam, was auf dem heutigen russischen Olymp vor sich geht. Und kann wiederholen, was ich einmal Gorbatschow gesagt habe. Der Pr\u00e4sident hat eine doppelte Pflicht: Daf\u00fcr zu sorgen, dass die Gesetze von allen geachtet werden. Und zweitens, diese Gesetze auch selbst zu respektieren.\u00a0 Anders gesagt, man muss sich bewusst sein, dass die Einheit von Wort und Tat in der Politik sehr wichtig ist. Wenn das Wort gebrochen wird, dann entsteht ein Misstrauen, das mit noch so vielen weiteren Worten kaum zu \u00fcberwinden ist. Wenn wir das nicht verstehen, werden wir nicht zu-einander finden. Eines steht au\u00dfer Frage: Unser Land kann Wladimir Putin auf jeden Fall daf\u00fcr dankbar sein, dass er den Zerfall Russlands verhindert hat.<\/p>\n<p><strong>Vertrauen Sie Putin heute?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe Vertrauen nicht zu Personen, sondern zu Taten. Wenn ich mit seinen Schritten einverstanden bin, dann vertraue ich ihm auch als Person. Ich unterst\u00fctze, was Putin heute in dieser Krise<br \/>\ntut. Er versucht, den politischen Sprengstoff zu entsch\u00e4rfen.<\/p>\n<p><strong>Und was soll Deutschland tun?<\/strong><\/p>\n<p>Viel h\u00e4ngt von Angela Merkel ab. Als Tochter eines Pfarrers sollte sie die Bibel kennen. Zum Beispiel das Buch der Weisheit Salomons im Alten Testament. Dort steht, dass man nicht mit zweierlei Ma\u00df messen soll. \u201eZweierlei Gewichte, sie alle beide sind dem Herrn ein Gr\u00e4uel\u201c, steht dort. Was wir erleben, ist das Gegenteil, eine Aufweichung des V\u00f6lkerrechts, das die Amerikaner und der ganze Westen f\u00fcr ihre Zwecke instrumentalisieren. Deutschland soll sich auf seine eigene Identit\u00e4t und seine eigenen lebenswichtigen Interessen besinnen und auch die lebenswichtigen Interessen Russlands achten, nicht nur in Worten, sondern auch in Taten. Die Einigung in der Verschiedenheit, die Tugend der guten Nachbarschaft, das ist das beste Rezept f\u00fcr eine gute Zukunft.<\/p>\n<p><strong>Herr Falin, Sie waren 15 Jahre alt, als die Deutschen Ihre \u00a0<\/strong><strong>Heimat \u00fcberfielen, auch viele Ihrer Verwandten kamen um\u2009\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin mit der deutschen Kultur gro\u00df geworden, die Liebe zu Deutschland hat mich seit meiner Kindheit begleitet. Als Deutschland 1941 die Sowjetunion \u00fcberfiel, war das f\u00fcr mich, f\u00fcr uns alle eine ungeheuerliche Trag\u00f6die. Wie konnte aus einer der gr\u00f6\u00dften Kulturnationen der Welt binnen zehn Jahren nur so eine Bestie werden?\u00a0 Wir haben in diesem Krieg 27 Millionen Menschen verloren. Und ich selbst 27 Menschen aus meinem Verwandtenkreis, die im Krieg umkamen, der J\u00fcngste war vier Jahre alt. Die Deutschen wollten uns vernichten, aber nicht wir sie. \u201eDie Hitlers kommen und gehen, aber die deutsche Nation bleibt\u201c, sagte Stalin schon 1941.<\/p>\n<p><strong>Der Krieg war vorbei, Deutschland wurde geteilt\u2009\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Die Spaltung Deutschlands nach 1945 widersprach eigentlich den strategischen Interessen der Sowjetunion. Wir waren f\u00fcr eine politische und \u00f6konomische Einheit des Landes. Es war doch damals umgekehrt so, dass die West-Alliierten die Spaltung des Landes vorantrieben, vor allem die Amerikaner. Westdeutschland war in diesem Punkt doch ein Gefangener der amerikanischen Au\u00dfenpolitik. Erst unter Chruschtschow hat auch Moskau das Banner der deutschen Einheit abgegeben. Das war ein grober politischer Fehler.<br \/>\n<strong>Sie waren 1990 bei den Verhandlungen mit dabei, als es um die deutsche Einheit ging\u2009\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Die deutsche Wiedervereinigung war auch f\u00fcr uns mit gro\u00dfen Hoffnungen verbunden. Sie sollte nach unserem Wunsch auch ein Ende der Spaltung Europas und der Welt sein. Schon ab 1985 habe ich Michail Gorbatschow in mehreren Memoranden darauf gedr\u00e4ngt, sich der deutschen Frage anzunehmen. Ich riet ihm dringend<br \/>\nzu einem konkreten Programm. Mein wichtigstes Argument war: Wenn wir es nicht tun, kommt es zu dieser Einheit nicht mit uns, sondern gegen uns.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Valentin Falin, erschienen in SUPERillu Heft 12\/2015: Von seinem K\u00fcchenfenster in der Moskauer Bolschaja-Jakimanka-Stra\u00dfe aus kann Valentin Falin die T\u00fcrme des Kreml sehen. Falins Frau Nina, 59, serviert den SUPERillu-Redakteuren Gerald Praschl und Marc Kayser Kaffee. Die Drei-Zimmer-Wohnung der Falins gleicht einem Museum. 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