define('DISALLOW_FILE_EDIT', true);
define('DISALLOW_FILE_MODS', true);{"id":594,"date":"2015-05-24T18:15:09","date_gmt":"2015-05-24T17:15:09","guid":{"rendered":"http:\/\/east-blog.de\/?p=594"},"modified":"2016-04-07T12:36:18","modified_gmt":"2016-04-07T10:36:18","slug":"baerbel-bohley-1945-2011-heute-waere-sie-70-geworden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geraldpraschl.de\/?p=594","title":{"rendered":"B\u00e4rbel Bohley (1945-2011): Heute w\u00e4re sie 70 geworden"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_742\" aria-describedby=\"caption-attachment-742\" style=\"width: 180px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-742\" src=\"https:\/\/geraldpraschl.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Baerbel_Bohley.jpg\" alt=\"B\u00e4rbel Bohley, portraitiert von Nikola Kuzmanic, 2004\" width=\"180\" height=\"271\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-742\" class=\"wp-caption-text\">B\u00e4rbel Bohley, portraitiert von Nikola Kuzmanic, 2004<\/figcaption><\/figure>\n<p>&#8222;Der Zweite Weltkrieg war gerade zwei Wochen beendet, als ich im Mai 1945 in den Ruinen Berlins geboren wurde. Wir Kinder, mein Bruder Ulrich wurde drei Jahre sp\u00e4ter geboren, wuchsen in dem riesigen Tr\u00fcmmerfeld auf. Am ber\u00fchmten Spreebogen, fast neben dem heutigen Bundestag und dem Bundeskanzleramt waren meine Spielpl\u00e4tze.&#8220; So fing die kleine Lebensgeschichte an, die B\u00e4rbel Bohley in dem Buch &#8222;Mut-Frauen in der DDR&#8220; \u00fcber sich aufschrieb, das R\u00fcdiger Rosenthal und ich im Jahr 2006 gemeinsam publizierten.<\/p>\n<p>Heute, am 24. Mai 2015, w\u00e4re B\u00e4rbel Bohley 70 Jahre alt geworden. Im September 2011 starb sie, viel zu fr\u00fch, an Krebs. Ihrem bewegten Lebenslauf ging daher leider ein letztes Kapitel verloren. Im vorletzten waren wir Freunde, als sie, seit 1996, in Bosnien-Herzegowina half. Zun\u00e4chst betreute sie im staatlichen Auftrag einige Hilfsprogramme, um kriegszerst\u00f6rte H\u00e4user wieder aufzubauen. Dann organisierte sie mit dem von ihr gegr\u00fcndeten Verein Seestern e.V. selbst Hilfsprogramme, sammelte Spenden und Hilfsgelder, unter anderem vom Ausw\u00e4rtigen Amt. \u00a0Tausende durch den Krieg obdachlos gewordene Fl\u00fcchtlingsfamilien, die heute unter anderem in mehreren neu aus dem Boden gestampften D\u00f6rfern rund um Mostar leben, verdanken dieser Hilfe beim Bau ihrer H\u00e4user und der \u00a0komplizierten Wasserversorgung auf den &#8222;Wastelands&#8220;, die ihnen die Regierung dazu zugewiesen hatte, viel.\u00a0Knallhart, aber auch mit viel Herz, waren ihre Verhandlungen mit \u00f6rtlichen Bauunternehmern, denen sie erfolgreich begreiflich machte, dass mit B\u00e4rbel Bohley und ihrem Mann und Partner, dem bosnischen Lehrer Dragan Lukic, keine krummen Gesch\u00e4fte zu machen waren, sondern nur Termineinhaltung, Transparenz, angemessene Preisgestaltung und ordentliche Bauleistung z\u00e4hlten. Das war damals schon ihr viertes Leben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das zweite Leben von B\u00e4rbel Bohley hatte begonnen, als sie Ende der 60er in der DDR nicht mehr bei einem Industriebetrieb arbeiten mochte, sondern mit 24 anfing, Malerei zu studieren und den Maler Dietrich Bohley heiratete, 1969. Ihr drittes Leben fing wenig sp\u00e4ter an, es war das der DDR-Oppositionellen. Dass die SED-F\u00fchrung in ihrem irrationalen und weltfremden Bedrohungs-Wahn ab 1978 Kinder im Rahmen eines &#8222;Wehrkundeunterrichts&#8220; militarisierte, emp\u00f6rte sie als Mutter eines damals Achtj\u00e4hrigen ebenso, wie, dass M\u00e4nner wie Frauen bei Zivilschutz\u00fcbungen den Atomkrieg \u00fcben sollten. Die von ihr mitgegr\u00fcndeten &#8222;Frauen f\u00fcr den Frieden&#8220; waren die erste organisierte Oppositionsgruppe in der DDR der 80er Jahre. Schnell landete sie daf\u00fcr im Knast, 1983, in der Stasi-U-Haftanstalt Berlin-Hohensch\u00f6nhausen, gemeinsam mit Ulrike Poppe, nach ihrer Entlassung \u00fcberzog sie die &#8222;Staatssicherheit&#8220; des SED-Staates mit diversen Zersetzungsma\u00dfnahmen, Berufsverboten, Schikanen aller Art und totaler Bespitzelung bis zu Wanzen in ihrer Wohnung. Anfang 1988 im Rahmen eines gro\u00dfen Schlags der Stasi und der SED gegen die Opposition erneut inhaftiert, ging sie f\u00fcr sechs Monate in den Westen. Und kehrte als eine der wenigen, die dieses &#8222;Angebot&#8220; nutzten (&#8222;Wir k\u00f6nnen sie auch zw\u00f6lf Jahre einsperren&#8220;) p\u00fcnktlich danach wieder in die DDR zur\u00fcck. 1989 war sie einer der 29 Mitgr\u00fcnder des &#8222;Neuen Forums&#8220;, das B\u00fcro war in ihrer Wohnung in der Fehrbelliner Stra\u00dfe am Prenzlauer Berg. \u00dcber die unhaltbaren gesellschaftlichen Zust\u00e4nde wollten sie diskutieren und riefen zum &#8222;Dialog&#8220; auf &#8211; ein h\u00f6chst professionelles Vorgehen gegen\u00fcber einem waffenstarrenden Regime, das mit Gewalt bestimmt nicht zu bezwingen war, sondern nur mit Worten. Ihre wesentliche Leistung bestand darin, mit ihrem Mut zu zeigen, dass Widerstand m\u00f6glich war, auch wenn sie dabei nicht alles richtig gemacht hat. In ihrer Isolation &#8211; und ausgeblutet von der Emigration &#8211; war der harte Kern der DDR-Opposition, der 1989 noch da war, auch manchmal weit weg sowohl vom Volk als auch von der Realit\u00e4t. &#8222;Wir waren beschr\u00e4nkt nicht nur im Handeln, sondern auch im Denken&#8220;, fasste das Roland Jahn einmal gut zusammen. Und Joachim Gauck, der als Mecklenburger Pfarrer damals sicher weit n\u00e4her am Volke war, schildert ein Treffen mit B\u00e4rbel Bohley im Dezember 1989 als &#8222;Clash of Civilizations&#8220;. Er wurde Pr\u00e4sident, wie Havel in Tschechien, nicht sie.<\/p>\n<p>\u00dcber die deutsche Wiedervereinigung und den neuen Anfang f\u00fcr den Osten Deutschlands hat sich B\u00e4rbel Bohley trotzdem sehr gefreut. Ein politisches Amt strebte sie nie an, deswegen hatte sie auch\u00a0nie eines. Weniger froh war sie \u00fcber den einstigen Stasi-Spitzel, der sie nach 1990 mit Prozessen und Gerichtsvollziehern \u00fcberzog, nunmehr im Rechtsstaat, weswegen sie auch bis heute gerne zitiert mit: &#8222;Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat&#8220;. Nach fast zwei Jahrzehnten der Konfrontation und der Schikanen durch Machthaber, Apologeten und Sch\u00f6nredner der SED-Diktatur, die sich offenbar, ansonsten ja eigentlich nach 1989 weitgehend in Ruhe gelassen, durch die Tatsache provoziert f\u00fchlten, dass die Biografien\u00a0von Oppositionellen wie B\u00e4rbel Bohley ihre\u00a0eigenen Mitl\u00e4ufer- und T\u00e4terbiografien in Frage stellten, war es gut, dass sie einen Schnitt machte. 1996 ging sie, zun\u00e4chst als Mitarbeitern des nach dem Dayton-Friedensabkommen eingesetzten &#8222;Hohen Repr\u00e4sentanten&#8220; OHR nach Sarajevo, um dort ein Wiederaufbauprogramm zu betreuen, der damalige Bundesau\u00dfenminister Klaus Kinkel, der sie sehr sch\u00e4tzte, hatte ihr das vermittelt. Dort lernten wir uns\u00a0kennen und wurden Freunde &#8211; die H\u00f6lle des von Slobodan Milosevic und anderen postkommunistischen Gro\u00dfmachts- und Geschichts-Esoterikern angezettelten B\u00fcrgerkriegs dort habe ich als Journalist selbst einige Jahre erlebt, wir hatten uns viel zu erz\u00e4hlen.<br \/>\nDie B\u00e4rbel Bohley von Bosnien war noch einmal etwas anders als die aus Ost-Berlin. Dort waren zwar auch Menschen, die unter der Erfahrung einer rechtlosen Gewalt gelitten hatten &#8211; aber einer, die nicht aus einer alles kontrollierenden Diktatur, sondern einer anarchischen Kriegs-Situation erwachsen war. Anarchie, die Herrschaft des Mob. &#8222;Die Decke der Zivilisation scheint nur eine d\u00fcnne Haut zu sein, die jederzeit zerrei\u00dfen kann. V\u00f6lkermord ist \u00fcberall m\u00f6glich. Dieser Satz hat in Sarajevo eine neue, schneidende Klarheit&#8220;, schrieb sie in ihrem lesenwerten, 1997 bei Ullstein erschienenen Buch &#8222;Die D\u00e4cher sind das Wichtigste&#8220; dazu.<br \/>\nEs war sehr sch\u00f6n, dass sie in den letzten Jahren ihres Lebens oft als Zeitzeugin eingeladen wurde, in Deutschland, den USA. Ich habe mich auch sehr gefreut, dass sie 2004 die &#8222;Goldene Henne&#8220; annahm, unseren ostdeutschen Medien- und Politik-Preis. Sie hatte eigentlich noch mehr verdient.<\/p>\n<p>B\u00e4rbel Bohleys eigene Lebenserinnerungen sind in dem Beitrag in unserem Buch &#8222;Mut-Frauen in der DDR&#8220; nachzulesen, hier im Internet:\u00a0http:\/\/baerbelbohley.de\/buecher\/buecher_mut.html<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Der Zweite Weltkrieg war gerade zwei Wochen beendet, als ich im Mai 1945 in den Ruinen Berlins geboren wurde. 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