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define('DISALLOW_FILE_MODS', true);{"id":728,"date":"2010-10-06T23:26:40","date_gmt":"2010-10-06T21:26:40","guid":{"rendered":"http:\/\/geraldpraschl.de\/?p=728"},"modified":"2017-03-29T16:58:45","modified_gmt":"2017-03-29T14:58:45","slug":"general-jaruzelski-ich-bitte-um-verzeihung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geraldpraschl.de\/?p=728","title":{"rendered":"General Jaruzelski: Ich bitte um Verzeihung"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_706\" aria-describedby=\"caption-attachment-706\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-706\" src=\"https:\/\/geraldpraschl.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2010jaruzelskigeraldpraschlwarschaunikolakuzmanic-511x350-300x205.jpg\" alt=\"Zu Besuch bei dem ehemaligen polnischen Machthaber Wojciech Jaruzelski und seiner Frau Barbara in ihrem Haus in Warschau 2010, Foto NIkola Kuzmanic\" width=\"300\" height=\"205\" srcset=\"https:\/\/geraldpraschl.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2010jaruzelskigeraldpraschlwarschaunikolakuzmanic-511x350-300x205.jpg 300w, https:\/\/geraldpraschl.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2010jaruzelskigeraldpraschlwarschaunikolakuzmanic-511x350.jpg 511w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-706\" class=\"wp-caption-text\">Zu Besuch bei dem ehemaligen polnischen Machthaber Wojciech Jaruzelski und seiner Frau Barbara in ihrem Haus in Warschau 2010, Foto Nikola Kuzmanic<\/figcaption><\/figure>\n<p>Einst hatte er die Macht, heute ist er Rentner. Die SUPERillu-Reporter Gerald Praschl und Andrzej Stach besuchten General Jaruzelski und seine Frau Barbara in ihrem Haus in Warschau. Im Interview mit SUPERillu-Redakteur Gerald Praschl\u00a0 im September 2010 bedauert der einstige polnische Staatschef Wojciech Jaruzelski die Folgen des Kriegsrechts, das er 1981 in seinem Land ausrief, und erkl\u00e4rt, wieso er den Kommunismus heute f\u00fcr \u00fcberholt h\u00e4lt.\u00a0 Text und &#8211; auszugsweise\u00a0 &#8211; das unten stehende Interview erschienen in SUPERillu Heft 42\/2010, hier als PDF zum Download:\u00a0 <a href=\"https:\/\/geraldpraschl.de\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/Jaruzelski.pdf\">Jaruzelski<\/a><br \/>\n<!--more-->Als er auf den Fernsehbildschirmen auftauchte, war das ein Schock f\u00fcr die Welt: Ein grimmiger Mann in Uniform, die Augen versteckt hinter einer dunklen Sonnenbrille. Gerade hat Armeegeneral Wojciech Jaruzelski in seinem Land das Kriegsrecht ausgerufen und die Macht \u00fcbernommen.\u00a0 Als Erstes l\u00e4sst er Tausende von Oppositionellen der Gewerkschaft \u00bbSolidarnosc\u00ab verhaften und in Internierungslager bringen.\u00a0\u00a0 Das war am 13. Dezember 1981. Ich war damals 13 Jahre alt und erinnere mich noch gut an diesen polnischen Milit\u00e4r-Machthaber in den Abendnachrichten, einen ziemlich b\u00f6sen Finsterling.<\/p>\n<p>Die Begegnung. Jetzt sitze ich diesem Mann gegen\u00fcber.\u00a0 Auf der Couch in seinem Wohnzimmer in Warschau. Seine bezaubernde Frau Barbara schenkt uns Tee ein. Er kramt aus einer Wohnzimmerschublade einen ganzen Packen alter Fotos hervor.\u00a0 \u201eSchauen Sie mal, hier bin ich mit Fidel Castro drauf, hier mit Tito,\u00a0 hier mit Breschnew und hier mit Honecker.\u201c Dazwischen Fotos von Familienausfl\u00fcgen mit seiner Tochter Monika (48) oder seinem einzigen, heute achtj\u00e4hrigen Enkel Gustaw. Gerne w\u00fcrde er einfach nur noch der Opa f\u00fcr den kleinen Gustaw sein, sagt er mir. \u201eMit Politik wollte ich mich eigentlich nie wieder besch\u00e4ftigen.\u201c Aber die Vergangenheit l\u00e4sst ihn nicht los. Seit 2007 steht er vor Gericht, angeklagt wegen \u00bbKommunistischer Verbrechen\u00ab.<\/p>\n<p>Jaruzelski f\u00fchlt sich zu Unrecht verfolgt. \u201eEs hat mich sehr geschmerzt, dass wir damals Gewalt anwenden mussten. Aber wir wollten mit dem Kriegsrecht eine Katastrophe verhindern\u201c, sagt er. \u201eEs drohte jeden Tag der Ausbruch eines B\u00fcrgerkriegs. H\u00e4tten wir damals die Lage nicht stabilisiert, w\u00e4re es fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zur Intervention sowjetischer, tschechischer und ostdeutscher Truppen in Polen gekommen.\u201c Nicht nur die Sowjetarmee stand 1981 an der Grenze zum Einmarsch in Polen bereit, um dort das Machtmonopol der Kommunisten zu retten. Auch DDR-Staatschef Erich Honecker lie\u00df die NVA damals an der Grenze \u00fcben. Dass die SED-F\u00fchrung\u00a0 nur 42 Jahre nach Hitlers \u00dcberfall auf Polen kein moralisches Problem damit gehabt h\u00e4tte, deutsche Truppen wieder dort einmarschieren zu lassen, gilt heute als erwiesen. \u201eHonecker war sich bewusst, dass es ohne Polen als Ostblock-Land auch die DDR nicht mehr lange gegeben h\u00e4tte. Das war f\u00fcr ihn eine Frage von Leben und Tod\u201c, erkl\u00e4rt mir Jaruzelski dazu.<\/p>\n<p>Nachdem er damals das Kriegsrecht ausgerufen und die Opposition rund um Solidarnosc-Chef Lech Walesa mundtot gemacht hatte, war ein Einmarsch nicht mehr n\u00f6tig. Sieben Jahre lang hatte Jaruzelski anschlie\u00dfend die Macht im Lande. Harte Jahre f\u00fcr Polen. Das Land musste seine Zahlungsunf\u00e4higkeit erkl\u00e4ren, die Wirtschaft brach weitgehend zusammen. Die Versorgungslage war dramatisch schlecht, wichtige Lebensmittel gab es nur noch auf Bezugsschein und streng rationiert.\u00a0 1988\/1989 schlie\u00dflich war Polen das erste Land, in dem die \u00bbWende\u00ab , die friedliche Revolution in Mittelosteuropa, losging. Anders als die meisten kommunistischen Staatschefs hat Jaruzelski die Macht damals freiwillig abgegeben. Im Februar 1989 setzte er sich mit der Opposition an einen \u00bbRunden Tisch\u00ab, vier Monate sp\u00e4ter gab es die ersten freien Wahlen. Als dann im November 1989 die Berliner Mauer fiel, hatte Polen bereits einen b\u00fcrgerlichen Ministerpr\u00e4sidenten, den Solidarnosc-Mitgr\u00fcnder Tadeusz Mazowiecki.<\/p>\n<p>Jaruzelski nimmt deshalb f\u00fcr sich in Anspruch, der \u00bbpolnische Gorbatschow\u00ab zu sein. Viele einstige Oppositionelle, darunter auch Solidarnosc-Gr\u00fcnder Lech Walesa, glauben ihm diese Version und haben ihm verziehen, obwohl er die meisten von ihnen 1981 hat einsperren lassen.\u00a0 Dass es 2007, 18 Jahre nach dem Mauerfall,\u00a0 zu dieser sp\u00e4ten Anklage\u00a0 kam, lag vor allem daran, dass kurz zuvor mit den konservativen Kaczynski-Zwillingen zwei einstige Oppositionelle an die Macht kamen, die ihm nicht verziehen hatten. So kam es, dass nun ein Warschauer Gericht dar\u00fcber entscheiden soll, wer die Dinge richtig sieht. Wobei niemand damit rechnet, dass der 87-J\u00e4hrige im Falle eines Urteils tats\u00e4chlich noch hinter Gitter muss. Vielmehr geht es vor Gericht eher darum, was zuk\u00fcnftig im Geschichtsbuch stehen soll.<\/p>\n<p>F\u00fcr seinen Schritt, das Kriegsrecht ausgerufen zu haben, will Jaruzelski sich nicht entschuldigen. Diesbez\u00fcglich f\u00fchlt er sich bis heute im Recht. Aber er sagt mir auch:\u00a0 \u201eIch gestehe, dass das Kriegsrecht ein \u00dcbel war. Es gab Internierungen, Repressalien. Das war schlimm und vielen Menschen ist hier gro\u00dfes Unrecht geschehen. Ich entschuldige mich. Das tut mir leid. Ich bitte um Verzeihung.\u201c<br \/>\nOffene Worte, die mich ber\u00fchren. Es w\u00e4re sch\u00f6n gewesen, wenn wir in Deutschland so etwas auch einmal von Leuten wie Honecker oder Krenz geh\u00f6rt h\u00e4tten. Oder von den Stasi-Gener\u00e4len. In 20 Jahren als Reporter bei SUPERillu habe ich viele dieser einstigen Spitzenkader von SED und Staatssicherheitsdienst getroffen. Und mit manchen lange diskutiert. Bei den meisten hatte ich den Eindruck, dass sie im Stillen durchaus nachdenklich sind. Sich aber sehr schwer tun,\u00a0 \u00f6ffentlich f\u00fcr etwas um Verzeihung zu bitten. Oder gar zuzugeben, dass es sogar ihnen, den einst Privilegierten, heute mit (West-)Rente, Meinungs- und Reisefreiheit viel besser geht als damals.<\/p>\n<p>Als Wendehals f\u00fchlt Jaruzelski sich nicht. Er erz\u00e4hlt mir, wie er in seiner Jugend zum Kommunisten wurde, obwohl er kein armes Arbeiterkind, sondern der \u00e4lteste Sohn eines reichen Gutsbesitzers war. \u201eIch kam zu dem Schluss, dass das System, von dem ich abstamme, ungerecht ist. Meinem Vater haben alte Frauen die Hand gek\u00fcsst, um ihn um Hilfe anzubetteln. Und selbst vor mir damals 15-j\u00e4hrigem Rotzl\u00f6ffel haben sie sich verbeugt, weil ich der junge Herr war. Die Armut der Landarbeiter, von denen oft vier Familien in einer Baracke lebten, hat mich schockiert. Und sie hat eine Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit erzeugt, von der ich glaubte, dass der Kommunismus\u00a0 oder besser: der real existierende Sozialismus sie am besten herstellen k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<p>Heute dagegen sehne er sich nicht mehr danach: \u201eDer alte Kommunismus hat keine Daseinsberechtigung mehr. Ich will aber nicht mit allem brechen: Es gab auch Dinge, bei denen der Kommunismus eine positive Rolle spielte. Die Revolution in Russland trug dazu bei, dass die Kapitalisten im Westen begannen, sich Gedanken \u00fcber den Lebensstandard der einfachen Leute zu machen \u2013 weil sie Angst vor einer Revolution hatten. So hat der Kommunismus wenigstens indirekt den Arbeitern geholfen \u2013 denen im Westen.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Das Interview: General Wojciech Jaruzelski im Mai 2010 in Warschau im Gespr\u00e4ch mit SUPERillu-Chefreporter Gerald Praschl und Andrzej Stach:<\/strong><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Fall der Mauer und das Ende der deutschen und europ\u00e4ischen Teilung ist schon 20 Jahre her. Wie ist Ihre Bilanz?<br \/>\nDie Bilanz ist positiv. Die Europ\u00e4ische Union ist Wirklichkeit geworden. In diesem Einigungsprozess von Europa hat Deutschland eine wichtige Rolle gespielt. Ich habe aufmerksam beobachtet, was w\u00e4hrend der Wiedervereinigung ablief und gesehen, wie schwer der neue Anfang nach 1990 nicht nur f\u00fcr uns Polen, sondern auch f\u00fcr die Deutschen war. Und bis heute ist es nicht einfach. Aber dass mit Angela Merkel eine Ostdeutsche sogar Kanzlerin wurde, zeigt doch alleine schon, dass der Prozess des Zusammenwachsens so weit fortgeschritten ist, dass man sich kaum vorstellen kann, wie das h\u00e4tte anders laufen sollen. Und dass so viel nicht falsch gewesen sein kann.<\/p>\n<p><strong>Sie waren als Staatschef von Polen einer der wichtigsten Ostblock-Politiker. Wie denken Sie denn heute \u00fcber den Sozialismus?<\/strong><br \/>\nDie Idee des Kommunismus wurde nicht an der Wolga, sondern am Rhein geboren. K\u00f6nnte es etwas Edleres geben als soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit, wie die Beseitigung der Arbeitslosigkeit? Und dass jeder in einer sozialen Gesellschaft seinen Platz und seine Besch\u00e4ftigung hat? Dass sind universelle Werte, die zu jeder Zeit gelten. Aber bei der Verwirklichung wurde die Idee degeneriert. Das f\u00fchrte zu einer Beschr\u00e4nkung der Freiheit der Menschen und vielen anderen \u00dcbeln. Wenn sie mich nach einem Glaubensbekenntnis fragen, dann kann man sagen, dass ich an die Werte, die man kommunistisch oder sozialistisch nennt, glaube. Aber ich lehne diese Ausw\u00fcchse ab. Ich habe dazu beigetragen, dass man das alles bei uns verworfen hat. Wir in Polen haben weit vor dem Fall der Mauer mit den Reformen angefangen. Sogar Gorbatschow sagte, dass er bei seinen Reformen unsere Erfahrungen in Polen nutzte. Es spielt nat\u00fcrlich heute keine Rolle, wer der erste oder zweite war, sondern vor allem, dass wir alle unseren Weg gefunden haben, auch wenn der Weg nicht frei von Problemen ist. Ich sehne mich \u00fcberhaupt nicht mehr nach dem Sozialismus, der existiert hat. Ich habe dazu beigetragen, dass dieses System in die Vergangenheit geh\u00f6rt. Und ich bin stolz darauf.<\/p>\n<p><strong>Aber Sie haben doch damals, 1981 sogar das Kriegsrecht ausrufen lassen und \u00fcber ein Jahr lang zehntausende Oppositionelle interniert, um die demokratische Opposition der Solidarnosc zu stoppen?<\/strong><br \/>\nIch habe alles, was in meiner Macht stand, unternommen, um die Ausrufung des Kriegszustandes zu verhindern. Es hat mich sehr geschmerzt, dass wir Gewalt anwenden mussten. Aber als wir 1981 mit dem Kriegsrecht den Status Quo verteidigten, wollten wir nur eine Katastrophe verhindern, einen Dritten Weltkrieg. In der Solidarnosc, die damals schon sehr m\u00e4chtig war, gaben immer mehr die radikalen Kr\u00e4fte den Ton an. Lech Walesa, den ich als Mensch heute sehr sch\u00e4tze, geh\u00f6rte zu den Gem\u00e4\u00dfigten, aber auf den hat schon damals kaum einer geh\u00f6rt. Ebenso wenig wie auf die katholische Kirche, die ebenfalls versucht hat, die radikalen Oppositionellen zu m\u00e4\u00dfigen. Auch die polnischen Bisch\u00f6fe warnten damals \u00f6ffentlich vor einem Bruderkampf. Es drohte jeden Tag des Ausbruch eines B\u00fcrgerkriegs. Ein B\u00fcrgerkrieg, der nicht nur Polen, sondern den ganzen Ostblock bedroht h\u00e4tte und\u00a0 einen Dritten Weltkrieg h\u00e4tte verursachen k\u00f6nnen.\u00a0 Einen Abfall Polens vom Warschauer Pakt h\u00e4tten damals sowohl die Ost- als auch die Westm\u00e4chte als St\u00f6rung des Gleichgewichts empfunden, schon wegen der geographischen Lage Polens und seiner Gr\u00f6\u00dfe mit fast 40 Millionen Einwohner. Wie gef\u00e4hrlich so eine St\u00f6rung des Gleichgewichts war, hatte man ja erlebt. Zuletzt bei der Kubakrise, die Chruschtschow mit der Stationierung sowjetischer Atomraketen auf Kuba, im Machtbereich der Amerikaner, ausgel\u00f6st hatte. Da gab es viel Druck auf uns. H\u00e4tten wir damals die Stabilisierung der Lage nicht gesichert und die Anarchisierungsprozesse im Staat und in der Wirtschaft nicht gebremst, w\u00e4re es fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zur Intervention sowjetischer, tschechischer und auch ostdeutscher Truppen in Polen gekommen. Die Zeichen waren un\u00fcbersehbar. An der sowjetischen Grenze standen bereits hunderte Lokomotiven und tausende Waggons bereit. Direkt an unseren Grenzen veranstalteten die \u00bbBruderl\u00e4nder\u00ab gro\u00dfangelegte Milit\u00e4r\u00fcbungen. Die Sowjets. Die Tschechoslowaken. Und auch die Ostdeutschen. Man wusste sofort, dass da etwas passiert und dass Interventionen mit solchen Vorbereitungen beginnen. Als wir fragten, was denn der Grund sei f\u00fcr diese Ansammlung von Z\u00fcgen, gab es nur ausweichende Antworten, es seien technischen Schwierigkeiten aufgetreten. Wir waren aber nicht so naiv, auch wenn wir erst im Nachhinein zuverl\u00e4ssig erfuhren, dass auch in der DDR die Vorbereitungen f\u00fcr einen Einmarsch nach Polen weit fortgeschritten waren und Honecker zu den eifrigsten Verfechtern dieser milit\u00e4rischen L\u00f6sung geh\u00f6rte. So wie damals 1968, beim Einmarsch in die Tschechoslowakei, DDR-Parteichef Ulbricht und unser polnischer Parteichef Gomulka. Honecker war besonders radikal bei der Beurteilung der Lage in Polen. Er war sich dessen bewusst, dass ohne Polen als Ostblock-Land es auch die DDR nicht mehr lange gegeben h\u00e4tte. Das war f\u00fcr ihn eine Frage von Leben und Tod. Seine Truppen standen bereit, in Polen einzumarschieren. Das belegen auch manche heute bekannten Dokumente.<\/p>\n<p><strong>Bereuen Sie heute, dass Sie damals so viele Oppositionelle verfolgt und eingesperrt haben?<\/strong><br \/>\nSolidarnosc hat gro\u00dfe Verdienste. Aber es war auch keineswegs ein Zehn-Millionen-Heer von Engeln. Ich gestehe: Der Kriegszustand war ein \u00dcbel. Ich gebe zu: Das Kriegsrecht war ein \u00dcbel. Es gab Internierungen, Verhaftungen, Repressalien. Der Sicherheitsapparat und auch ein Teil der Partei hat sich ausgetobt an ihren Gegnern und Rache ge\u00fcbt f\u00fcr\u00a0 erlittene Dem\u00fctigungen. Das war\u00a0 schlimm und vielen Menschen ist hier gro\u00dfes Unrecht geschehen. Ich entschuldige mich, ich bedauere es. Das tut mir leid. Ich bitte daf\u00fcr um Verzeihung. Aber nicht daf\u00fcr, dass ich das Kriegsrecht eingef\u00fchrt habe. Das war zur Erhaltung von Polen notwendig. Ich habe damals auch \u00f6ffentlich gesagt, dass wir milit\u00e4risch und administrativ gewonnnen, aber politisch verloren haben. Wir konnten keine \u00fcberzeugende Sprache finden, auch die Partei nicht, um die Menschen zu erreichen. Solidarnosc dagegen hat die Menschen mitgerissen, mit ihrer Kritik am System. Eine Kritik, die generell richtig war, die aber auch nicht wenig Demagogie und Populismus enthielten, die die Wirtschaft ruinierten. Dies bekamen auch unsere Nachbarn zu sp\u00fcren, besonders die DDR wegen der ausbleibenden Lieferungen der polnischen Kohle.<br \/>\n<strong><br \/>\nAuch wenn Honecker zusammen mit den Sowjets damals in Polen einmarschieren wollte: Acht Jahre sp\u00e4ter, 1989, waren Sie als Gast mit dabei, als die DDR im Oktober 1989 ihren vierzigsten und letzten Jahrestag feierte&#8230;<\/strong><br \/>\nIch erinnere mich noch gut daran. Da gab es ein paar feierliche Reden. Hauptredner war Honecker. \u2013 Er sprach nur von Erfolgen und Errungenschaften. Gorbatschow meinte zu mir nach der Rede: Das war ein Schuss ins Leere. Es wisse doch jeder, dass tiefgreifende Reformen n\u00f6tig sind. Damals dachten wir nat\u00fcrlich nicht an einen kompletten Wechsel der Gesellschaftsordnung. Aber dass sich die Menschen nach Demokratie und Meinungsfreiheit sehnten, war uns klar. An diesem Punkt waren Honecker und seine alte Garde wie Stasi-Chef Mielke und Ministerpr\u00e4sident Stoph wie zubetoniert. Die wollten nichts ver\u00e4ndern. Im Gegenteil:\u00a0 Honecker hat uns auch noch st\u00e4ndig belehrt, nach dem Motto: \u201eBei uns in der DDR lebt es sich besser als bei euch, also haben wir recht.\u201c Es stimmte nat\u00fcrlich, dass es in der DDR noch ein wenig besser lief als bei uns. Aber das war ja auch Deutschland, das wirtschaftlich schon immerm besser da stand als seine \u00f6stlichen Nachbarn. Ob mit Sozialismus oder ohne.<\/p>\n<p><strong>Das klingt nach einer sehr kompromisslosen Abrechnung mit Honeckers DDR..<\/strong><br \/>\nIch will nicht in die Rolle des Rezensenten versetzt werden, der die ehemalige DDR beurteilen soll. Der Tote kann sich ja nicht mehr wehren. Wir haben die DDR auf zweierlei Art und Weise gesehen. Die eine Seite war die Verkn\u00f6cherung, der Dogmatismus. Auf der anderen Seite haben wir auch gesehen, dass die DDR besser funktioniert, wirtschaftlich und zivilisatorisch besser entwickelt ist als unser polnischer Staat. Und wir haben auch sehr hoch gesch\u00e4tzt, dass die DDR, anders als die Bundesrepublik, es bereits 1950 auf sich genommen, im G\u00f6rlitzer Abkommen die Oder-Nei\u00dfe-Grenze anerkannt hat, was der SED-F\u00fchrung sicher einen Verlust an Sympathie im deutschen Volk gebracht hat, das darin vor allem einen Verzicht auf gro\u00dfe deutsche Gebiete sah, die so lange zu Deutschland geh\u00f6rten. Die DDR hat auch den Jugendaustausch zwischen unseren L\u00e4ndern sehr gef\u00f6rdert. Jahr f\u00fcr Jahr waren 300000 junge\u00a0 Menschen aus Polen und der DDR ins jeweils andere Land gereist. Da sagen nat\u00fcrlich wieder welche: Das war Indoktrinierung. Teilweise war das bestimmt so. Aber zumindest lernten diese jungen Leute das andere Land kennen, die Sprache, die Kultur. Das war eine wichtige Sache, die bis heute Fr\u00fcchte tr\u00e4gt. Meine Frau kann dar\u00fcber noch mehr sagen, sie war jahrzehntelang Germanistin an der Universit\u00e4t und hat sich dort ebenfalls um den deutsch-polnischen Austausch bem\u00fcht. Wir Polen haben dabei zum ersten Mal wieder viele Deutsche kennengelernt, die uns nicht, wie damals im Zweiten Weltkrieg, mit einer Maschinenpistole gegen\u00fcberstanden. Sondern als unsere Br\u00fcder und Freunde. Honecker pers\u00f6nlich? Er war ein Betonkopf. Aber auf der anderen Seite sa\u00df er zehn Jahre im Nazi-Gef\u00e4ngnis. Das hat uns auch verbunden. Es war unsere gemeinsame Idee, im\u00a0 Berliner Friedrichshain ein Denkmal zu errichten, f\u00fcr die\u00a0 polnischen Soldaten, die im Krieg gegen die Faschisten k\u00e4mpften, so wie ich, und f\u00fcr die deutschen Antifaschisten, so wie er. \u00bbF\u00fcr eure und unsere Freiheit\u00ab steht da drauf, in deutsch und polnisch. Das Denkmal steht bis heute, aber vielleicht pinkeln ja jetzt nur noch die Hunde dran. Ich m\u00f6chte auch hinzuf\u00fcgen, das die Zusammenarbeit unserer Armeen, was mich als langj\u00e4hrigen Chef der polnischen Armee und Verteidigungsminister nat\u00fcrlich besonders besch\u00e4ftigt hat, sehr gut war.. Ich sch\u00e4tze zum Beispiel die Zusammenarbeit mit dem damaligen DDR-Verteidigungsminister Heinz Hoffmann. Das war ein Mensch, der den spanischen B\u00fcrgerkrieg hinter sich hatte. Was ihm nat\u00fcrlich ein gro\u00dfes Gewicht und auch in meinen Augen viel Ansehen verlieh.\u00a0 Ich erinnere mich da an eine ganz besondere Begebenheit. Es war \u00fcblich, dass Offiziere aller Armeen des Warschauer Pakts, die sich besonders qualifiziert hatten, sich ausschlie\u00dflich an der Milit\u00e4rakademie nach Moskau weiter qualifizieren konnten. Dass war aber ein sehr eingleisiger Austausch. Unsere L\u00e4ndern hatten nat\u00fcrlich auch eigene Milit\u00e4rakademien. Ich habe mich damals in Moskau bem\u00fcht, dass es auch m\u00f6glich sein m\u00fcsste, dass zum Beispiel auch einmal sowjetische Offiziere auf Milit\u00e4rakademien in den Bruderl\u00e4ndern wie Polen weitergebildet w\u00fcrden. Da f\u00fchrte kein Weg rein, das wurde von Moskau v\u00f6llig abgeblockt. So hat es mich umso mehr gefreut, dass DDR-Verteidigungsminister Heinz Hoffmann und ich einen bilateralen Austausch vereinbaren konnten. K\u00fcnftig, seit Anfang der 80er Jahre, gab es auch ostdeutsche Offiziere, die an unserer Warschauer Milit\u00e4rakademie ausgebildet wurden. Und umgekehrt polnische Offiziere, die in die DDR zur Weiterbildung gingen. Und nicht nach Moskau. Diese positive Erfahrung bewirkte, dass die sowjetische Armee aber auch die anderen Armeen des Warschauer Paktes ihre Offiziere zu den Milit\u00e4rakademien in anderen L\u00e4ndern des Paktes im Rahmen eines Austausches schickten.<br \/>\n<strong><br \/>\n18 Jahre nach der Wende, 2007 wurden Sie wegen \u00bbKommunistischer Verbrechen angeklagt und stehen seitdem in Warschau vor Gericht. Wie sieht denn ihr Leben heute aus?<\/strong><br \/>\nIch bin nach der Wende mit einer gro\u00dfen Erleichterung in Pension gegangen, \u00fcbrigens auf eigene Initiative. Nach dem Runden Tisch und nach den Wahlen 1989 verk\u00fcndete ich offiziell, dass ich nicht Pr\u00e4sident von Polen werden will. Dazu hat mich dann aber der damalige US-Pr\u00e4sident George Bush senior doch \u00fcberredet. Er meinte zu mir, dass ich in dieser schwierigen Zeit einen flexiblen \u00dcbergang gew\u00e4hrleisten\u00a0 m\u00fcsse. Dass ist schon eine besondere Note der Geschichte, dass ein US-Pr\u00e4sident einen kommunistischen Staatschef davon \u00fcberzeugen muss, noch ein wenig l\u00e4nger im Amt zu bleiben. Es ging ihm darum, dass dieser Macht\u00fcbergang reibungslos verlaufe. Dasselbe meinte \u00fcbrigens Gorbatschow zu mir. Ich war dann anderthalb Jahre Staatspr\u00e4sident und dachte, als ich endlich in Rente ging, ganz naiv, ich h\u00e4tte jetzt endlich Zeit, ins Theater zu gehen, ins Kino, B\u00fccher zu lesen, mich um meine Familie mehr zu k\u00fcmmern, die immer zu kurz kam. Stattdessen muss ich mich seitdem mit Staatsanw\u00e4lten und Gerichten besch\u00e4ftigen. Wenn sie jetzt auf mich einschlagen, will man damit doch auch das Leben und die Leistungen von vielen anderen zertreten, die in der Zeit des Kommunismus gelebt und gearbeitet haben. Die in der Armee gedient haben, in Beh\u00f6rden und Schulen t\u00e4tig waren, gute Arbeiter in den Betrieben waren. Millionen von Menschen. Wenn ich vor Gericht auftrete, betone ich immer wieder: Ich verteidige nicht mich selbst.<\/p>\n<p><strong>Viele Polen hatten nach dem Mauerfall Angst vor einem wiedervereinten Deutschland. Sie waren damals der Staatspr\u00e4sident. Wie haben Sie das gesehen?<\/strong><br \/>\nIch war lange Zeit ein Gegner der deutschen Wiedervereinigung. Weil ich bef\u00fcrchtete, dass es nach der Einheit schwierig sein w\u00fcrde, die Zustimmung des neuen Deutschland zur polnischen Westgrenze durchzusetzen. Ich habe das auch bei vielen Gespr\u00e4chen mit Ost- und nat\u00fcrlich vor allem westdeutschen Politikern so gesagt, wie zu Helmut Kohl, Pr\u00e4sident Richard von Weizs\u00e4cker, Hans-Dietrich Genscher und anderen. Ich habe ihnen erz\u00e4hlt, dass wir das sehr sensibel sehen. Alle haben uns beruhigt, es sei nur eine Formalit\u00e4t, eine Formsache, dass auch das vereinte Deutschland die Oder-Nei\u00dfe-Grenze anerkenne. Und dass das sofort nach der Wiedervereinigung erfolge. So wie ich haben auch manche West-Politiker gedacht. Zum Beispiel die britische Premierministerin Margaret Thatcher, die ich zuletzt im Juni 1989 traf. Sie bat mich zu einem vertraulichen Gespr\u00e4ch. Und meinte zu mir: \u201eIhr m\u00fcsst alles unternehmen, dass die deutsche Wiedervereinigung nicht zustande kommt.\u201c Ich war \u00fcberrascht, dass sie uns Polen zutraute, so etwas durchzusetzen und meinte: \u201eDazu w\u00e4re das m\u00e4chtige Gro\u00dfbritannien doch viel eher in der Lage als wir.\u201c Aber sie meinte: Wir haben zwar mehr politische Macht, aber ihr Polen habt die gr\u00f6\u00dfere moralische Berechtigung, euch gegen die deutsche Wiedervereinigung zu stellen. Wegen eurer furchtbaren Erlebnisse, wegen dem, was euch die Deutschen angetan haben.\u201c Genauso dachte Frankreichs Pr\u00e4sident Mitterand. Aber er zeigte das nicht so ostentativ und hat das damals viel weniger publik gemacht. Meine Furcht wurde schon damals auch dadurch gemindert, dass ich viele\u00a0 westdeutsche Politiker\u00a0 wie Helmut Schmidt, Willi Brandt oder Egon Bahr gut kennengelernt hatte. Ich wusste, dass das aufgekl\u00e4rte Leute sind, dass sie die europ\u00e4ische Probleme real sehen. Und dass man ihnen vertrauen konnte.<\/p>\n<p><strong>Sie haben ihre Meinung zur deutschen Einheit aber inzwischen ge\u00e4ndert, oder?<\/strong><br \/>\nJa, obwohl die Erinnerung an die Naziokkupation noch lebendig war. Dazu kam die kontroverse Sache mit der Oder-Nei\u00dfe Grenze. Heute empfinde ich eine Hochachtung f\u00fcr Deutschland, ohne ihnen gro\u00dfe Komplimente machen zu wollen. Sie sind ein Volk mit einer gro\u00dfen Tradition, Kultur, und Literatur. Deutschland ist heute ein Musterbeispiel in Europa. Nicht nur in der Wirtschaft, Disziplin und Arbeit. Sondern auch ein Musterbeispiel f\u00fcr Demokratie. Und sie sind ein\u00a0 menschenfreundliches Land, dass auch anderen V\u00f6lkern hilft, zum Beispiel aktuell Griechenland, das jetzt vor allem auf Kosten Deutschlands gerettet, aus dem Sumpf gezogen wird. Aber auch wir Polen sp\u00fcren, dass Deutschland uns hilfreich zur Seite steht. Zum ersten Mal in unserer Geschichte, und ich bin gl\u00fccklich, dass ich das noch erlebe, haben wir Nachbarn, im Osten wie im Westen, die wir nicht f\u00fcrchten m\u00fcssen. Mit Deutschland haben wir einen Freund. Wenn es um Russland geht, haben sich dort bestimmte Sachen noch nicht herauskristallisiert. Aber ich achte die Russen als Menschen und mag sie sehr. Auch das heutige Russland ist f\u00fcr niemanden eine Bedrohung. Ja, es werden auch bei uns von gewissen polnischen Politikern Mythen verbreitet, die bestimmte Emotionen wecken sollen. Mythen, die Russen w\u00fcrden jemanden bedrohen. Es gibt auch polnische Politiker, die uns Angst vor Deutschland einreden wollen. Die Bedeutung dieser Politiker ist aber inzwischen marginal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einst hatte er die Macht, heute ist er Rentner. Die SUPERillu-Reporter Gerald Praschl und Andrzej Stach besuchten General Jaruzelski und seine Frau Barbara in ihrem Haus in Warschau. 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