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define('DISALLOW_FILE_MODS', true);{"id":741,"date":"2010-10-06T23:48:20","date_gmt":"2010-10-06T21:48:20","guid":{"rendered":"http:\/\/geraldpraschl.de\/?p=741"},"modified":"2016-04-06T23:49:45","modified_gmt":"2016-04-06T21:49:45","slug":"baerbel-bohley-1945-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geraldpraschl.de\/?p=741","title":{"rendered":"B\u00e4rbel Bohley 1945-2010"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_742\" aria-describedby=\"caption-attachment-742\" style=\"width: 180px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-742\" src=\"https:\/\/geraldpraschl.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Baerbel_Bohley.jpg\" alt=\"B\u00e4rbel Bohley, portraitiert von Nikola Kuzmanic, 2004\" width=\"180\" height=\"271\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-742\" class=\"wp-caption-text\">B\u00e4rbel Bohley, portraitiert von Nikola Kuzmanic, 2004<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die 65-J\u00e4hrige ist nach l\u00e4ngerer Krankheit einem Krebsleiden erlegen.Ich kannte sie sehr gut, \u00fcber viele Jahre waren wir Freunde. Sie dr\u00e4ngte sich nicht gerne ins Rampenlicht. Und deshalb zierte sie sich auch, als ich im Sommer vor sechs Jahren, 2004, zu ihr nach Kroatien kam, um sie davon zu \u00fcberzeugen, unseren Medienpreis Goldene Henne vor laufender TV-Kamera im Friedrichstadtpalast entgegenzunehmen. Ich konnte sie dann doch \u00fcberreden.<\/p>\n<p class=\"Copy\">Sie w\u00e4re sicher auch eine gute Bundespr\u00e4sidentin geworden und vielleicht h\u00e4tten sich die Deutschen in sie genauso verliebt wie im Sommer 2010 in Fast-Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck. Aber zu einer Politikerin fehlte ihr das Macht-Gen. Sie strebte nie nach einem politischen Amt f\u00fcr sich pers\u00f6nlich. Sie hatte deswegen auch nie eins.<\/p>\n<p class=\"Copy\"><!--more--><\/p>\n<p class=\"Copy\">Trotzdem wurde sie ber\u00fchmt. Als \u00bbMutter der Revolution\u00ab von 1989. Sie wurde von den Montagsdemonstranten als Heldin gefeiert, weil sie es gewagt hatte, gemeinsam mit 28 Mitstreitern eine Oppositionsgruppe gegen die SED zu gr\u00fcnden. Das \u00bbNeue Forum\u00ab forderte von SED-Chef Erich Honecker \u00bbDialog\u00ab. Es war aber auch klar, dass es nicht nur darum ging, mit den SED-Machthabern zu reden. Sondern um viel mehr: Um freie Wahlen, einen Rechtsstaat, Reise-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Um diese fundamentalen B\u00fcrgerrechte, die der Unrechtsstaat DDR den Ostdeutschen bis 1989 verweigerte, hat B\u00e4rbel Bohley mutig gek\u00e4mpft.<\/p>\n<p class=\"Subheadline\"><strong>Wie sie zur \u00bbMutter der Revolution\u00ab wurde<\/strong><\/p>\n<p class=\"Copy\">Dabei konnte sie in ihrer Jugend dem \u00bbSozialismus\u00ab durchaus noch Positives abgewinnen. Wie nicht wenige Ostdeutsche hoffte sie, mit dem Mauerbau 1961 werde sich der neue Staat DDR endlich stabilisieren. \u00bbIch wollte damals glauben, dass die Mauer notwendig sei, um den Sozialismus aufzubauen.\u00ab, hat sie 2005 geschrieben. Das war in dem Buch \u00bbMut-Frauen in der DDR\u00ab, zu dem ich sie vor f\u00fcnf Jahren \u00fcberredete. Ich wollte, dass sie darin endlich ihre Lebensgeschichte aufschreibt. Sie meinte, dass h\u00e4tte noch Zeit. Und ich meinte, man k\u00f6nne nicht wissen, ob noch viel Zeit sei. Ich habe leider recht behalten. Im Mai 2008 bekam sie die Krebsdiagnose. Der Arzt gab ihr sechs Wochen. Sie hat gek\u00e4mpft und immerhin wurden es noch zweieinhalb Jahre.<br \/>\nB\u00e4rbel Bohleys Zweifel am Regime wuchsen in den 60er Jahren, als sie merkte, dass die Mauer nur dazu da war, die SED an der Macht zu halten. Ihre Hoffnung auf einen \u00bbSozialismus mit menschlichem Antlitz\u00ab zerschlug sich endg\u00fcltig 1968, als sowjetische Truppen den \u00bbPrager Fr\u00fchling\u00ab niederwalzten. Danach schmiss sie ihren sicheren Job als Industriekaufmann bei einem VEB und begann ein Studium der Malerei. Sie suchte damit ein Leben in einer m\u00f6glichst staatsfernen Nische, um sich nicht zu sehr verbiegen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<div><\/div>\n<p class=\"Subheadline\"><strong>\u00bbIhr Sohn muss dann wohl ohne seine Mutter aufwachsen\u00ab, drohte die Stasi<\/strong><\/p>\n<p class=\"Copy\">Ihre Wut auf das System wuchs in den 70er Jahren, als sie als junge Mutter Mitte der 70er Jahre erlebte, wie die SED selbst schon Kleinkinder \u00bbauf Linie\u00ab zu trimmen suchte. Ihren 1970 geborenen Sohn Anselm schickte sie in einen kirchlichen Kindergarten und verbot ihm sp\u00e4ter, den Pionieren beizutreten. Unmerklich wuchs aber auch ihr Mut zum Protest. 1982 sammelt sie Unterschriften gegen den Plan der SED-F\u00fchrung, im Krisenfall auch Frauen zum Wehrdienst einzuziehen. Aus diesem Protest entwickelt sich die ersten organisierte Oppositionsgruppe, die \u201eFrauen f\u00fcr den Frieden\u00ab. Sp\u00e4testens seitdem ist B\u00e4rbel Bohley nat\u00fcrlich im Visier der DDR-Staatssicherheit. 1983 wird sie verhaftet, kommt in die ber\u00fcchtigte Stasi-Haft nach Berlin-Hohensch\u00f6nhausen. Da sitzt ein zackiger Stasi-Vernehmer und droht ihr an, wenn sie nicht rede, werde sie zu zw\u00f6lf Jahren Haft verurteilt. Ihr damals 13j\u00e4hriger Sohn m\u00fcsse dann wohl alleine aufwachsen. Da antwortet sie: \u00bbGut, zw\u00f6lf Jahre. Aber ich komme hier wieder raus, Sie nie!\u00ab Sie trifft wohl ins Schwarze, denn der Stasi-Mann reagiert verbl\u00fcfft. \u201eDie Mitarbeiter des gewaltigen Staatssicherheitsapparats haben nicht nur uns zerst\u00f6ren wollen, sie sind auch selbst als Menschen zerst\u00f6rt worden. Auch sie wollten erl\u00f6st sein, denn nur so l\u00e4sst es sich erkl\u00e4ren, dass sie 1989 so schnell aufgegeben haben\u201c, schreibt sie 2005. B\u00e4rbel Bohley muss keine zw\u00f6lf Jahre ins Gef\u00e4ngnis. Auf Druck des Westens wird sie nach sechs Wochen entlassen.Bis zum Mauerfall wird sie von Spitzeln \u00fcberwacht. Ihre Wohnung wird abgeh\u00f6rt, gegen\u00fcber schieben Stasi-\u00dcberwachungsteams in einem Bauwagen Schicht-Dienst. Sie \u00fcberziehen B\u00e4rbel Bohley und ihre Mitstreiter mit \u00bbZersetzungsma\u00dfnahmen\u00ab aller Art: Beh\u00f6rden-Schikanen, Wohnungseinbr\u00fcche, Spitzel im Freundeskreis. Und berufliches Mobbing, dass dazu f\u00fchrt, dass viele B\u00fcrgerrechtler am Existenzminimum leben m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"Copy\">Wie viele B\u00fcrgerrechtler schmerzt es sie, als im Sommer 1989 zehntausende junge Leute \u00fcber Ungarn, die CSSR und Polen in den Westen fliehen. In der Nacht zum 11. September 1989 geht in Ungarn die Grenze auf. Es ist zuf\u00e4llig der selbe Tag, an dem B\u00e4rbel Bohley die Zulassung des \u00bbNeuen Forum\u00ab beantragt. Ihr Programm ist klar: \u201eBleibe im Lande und wehre dich t\u00e4glich\u00ab. Nur ein paar Monate, zwischen dem Fall der Mauer im November 1989 und den Volkskammerwahlen im M\u00e4rz 1990 k\u00f6nnen sie und die anderen B\u00fcrgerrechtler vom \u00bbRunden Tisch\u00ab gro\u00dfe Pl\u00e4ne f\u00fcr die Zukunft der DDR schmieden. Pl\u00e4ne, von denen die meisten nicht in Erf\u00fcllung gehen. Anders als die Menschen in Polen, Tschechien oder Ungarn w\u00e4hlen die Ostdeutschen 1990 nicht B\u00fcrgerrechtler wie Lech Walesa oder Vaclav Havel zu Pr\u00e4sidenten. Sondern entscheiden sich in einer freien Wahl im M\u00e4rz 1990 lieber f\u00fcr die Parteien, die eine schnelle Wiedervereinigung mit dem Westen versprechen, weil ihnen das sicherer erscheint als neue Experimente.<\/p>\n<p class=\"Copy\"><strong>Wie sie \u00fcber die deutsche Einheit dachte<\/strong><\/p>\n<p class=\"Copy\">Viele DDR-B\u00fcrgerrechtler hat das damals verbittert und sie brauchten lange, um ihren Frieden mit dem wiedervereinten Deutschland zu machen. B\u00e4rbel Bohley litt darunter eher weniger, auch wenn ihr das immer unterstellt wurde. Sie hat sie sich sehr \u00fcber die deutsche Einheit gefreut. Und in den freien Wahlen 1990 sah sie die Erf\u00fcllung ihres Lebenswerks.<\/p>\n<p class=\"Copy\">Was sie w\u00fctend machte, war etwas anderes. N\u00e4mlich dass die meisten T\u00e4ter, die das Unrecht zur DDR-Zeit angerichtet haben, fast oder v\u00f6llig straffrei davon kamen. Die Wut steigert sich damals, als sie von PDS-Frontmann Gregor Gysi vor Gericht gezerrt wird. Gysi hatte B\u00e4rbel Bohley zur DDR-Zeit als Anwalt vertreten und nach der Lekt\u00fcre ihrer Stasi-Akten 1992 kommt sie zu dem Ergebnis, Gysi sei ein \u00bbIM\u00ab, ein Stasi-Spitzel, gewesen. Gregor Gysi bestreitet das bis heute. Und verklagt sie. Gegen den ebenso cleveren wie zahlungskr\u00e4ftigen Anwalt hat sie wenig Chancen. Nach zwei Instanzen muss sie aufgeben. Die Gerichts- und Anwaltskosten haben sie da schon fast in den Ruin getrieben. \u00bbWir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat\u00ab, sagt sie frustriert.<\/p>\n<p class=\"Copy\"><strong>Warum sie damals nach Bosnien ging<\/strong><\/p>\n<p class=\"Copy\">Anderswo findet sie neuen Mut. Sie geht nach Bosnien und findet dort eine neue Lebensaufgabe darin, den Menschen zu helfen, die der Krieg dort obdachlos gemacht hat. In dieser Zeit habe ich sie pers\u00f6nlich kennengelernt. Ich kenne Bosnien gut, denn ich war als Reporter im Bosnienkrieg unterwegs. Und habe erlebt, wie dort hunderttausende Unschuldige von kriminellen Warlords ermordet wurden, ohne dass der Westen eingriffen hat. Diese Tatenlosigkeit und die Naivit\u00e4t westlicher \u00bbPazifisten\u00ab hat mich damals genauso emp\u00f6rt wie B\u00e4rbel Bohley. \u00bbDeshalb glaube ich nicht mehr an eine pazifistische Politik\u00ab, meinte die einstige Gr\u00fcnderin der \u00bbFrauen f\u00fcr den Frieden\u00ab seitdem. Notfalls m\u00fcssten die Menschenrechte auch mit Waffen verteidigt und zur Geltung gebracht werden. Ich sehe das genauso und B\u00e4rbel Bohley und ich wurden vielleicht auch deshalb Freunde, als ich sie Ende der 90er Jahre zum ersten Mal dort besuchte. Die Hilfsorganisation Seestern e.V., die sie und ihr Mann, der Lehrer Dragan Lukic aus Sarajevo, aufbauten, verhalf tausenden Familien zu einem neuen Dach \u00fcber dem Kopf.<\/p>\n<p class=\"Copy\">An sich selbst dachte sie dabei wie immer zuletzt. Gerne h\u00e4tte ich in der SUPERillu einmal die skandal\u00f6se Geschichte erz\u00e4hlt, dass die \u00bbMutter der Revolution\u00ab zuletzt von einer \u00e4u\u00dferst kleinen Rente leben musste, w\u00e4hrend es viele Stasi- und SED-Funktion\u00e4re heute im Ruhestand recht komfortabel haben. Aber das wollte sie nicht. \u201eWir haben das damals doch nicht wegen des Geldes gemacht\u201c, meinte sie.<br \/>\nAm 11. September 2010 ist sie 65j\u00e4hrig ihrem Krebsleiden erlegen.<\/p>\n<p class=\"Copy\">erschienen in SUPERillu 38\/2010 am 16. September 2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 65-J\u00e4hrige ist nach l\u00e4ngerer Krankheit einem Krebsleiden erlegen.Ich kannte sie sehr gut, \u00fcber viele Jahre waren wir Freunde. Sie dr\u00e4ngte sich nicht gerne ins Rampenlicht. 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