define('DISALLOW_FILE_EDIT', true);
define('DISALLOW_FILE_MODS', true);{"id":853,"date":"2011-04-27T23:32:37","date_gmt":"2011-04-27T21:32:37","guid":{"rendered":"http:\/\/geraldpraschl.de\/?p=853"},"modified":"2016-04-27T23:50:43","modified_gmt":"2016-04-27T21:50:43","slug":"roland-jahn-wie-die-opposition-gegen-die-sed-ins-westfernsehen-kam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geraldpraschl.de\/?p=853","title":{"rendered":"Roland Jahn: Wie die Opposition gegen die SED ins Westfernsehen kam"},"content":{"rendered":"<p>erschienen in SUPERillu 6\/2011<\/p>\n<p>Um einen aufm\u00fcpfigen Studenten loszuwerden, schiebt die DDR 1983 den jungen Jenaer Roland Jahn gegen seinen Willen in den Westen ab. Doch der Th\u00fcringer l\u00e4sst nicht locker. Die Staatssicherheit verfolgt ihn und seine Freunde als vermeintliche \u201eAgentengruppe\u201c mit Autobomben, Spitzeln und Wanzen, weil er auf verschlungenen Pfaden den Widerstand gegen die SED-Diktatur ins West-Fernsehen bringt.<\/p>\n<p>Der bundesdeutsche Grenzer in Ludwigstadt staunt nicht schlecht \u00fcber die Entdeckung, die er an einem hei\u00dfen Sommertag 1983 im Gep\u00e4ckwagen des Interzonenzuges macht, der gerade \u00fcber die DDR-Grenze gen Westen gerollt war. Er fand darin einen jungen Mann in Knebelketten in ein Abteil gesperrt. Er war von der Stasi in den Zug verfrachtet worden und musste auf diese\u00a0 Weise gegen seinen Willen die DDR verlassen.<br \/>\n<strong><br \/>\nSeine Kritik.<\/strong> Der junge Mann hei\u00dft Roland Jahn, ist 30 Jahre alt und kommt aus Jena. Die Offiziere der DDR-Staatssicherheit, die ihn kurz vorher in den Zug geschleppt und so aus dem Arbeiter- und Bauernstaat \u00bbentsorgt\u00ab hatten, sind an diesem Tag sehr erleichtert. Jahn und ein Dutzend seiner Freunde, organisiert in einer Gruppe namens \u00bbFriedensgemeinschaft Jena\u00ab, haben ihnen in den Jahren zuvor Sonderschichten und viel \u00c4rger bereitet. Die jungen Leute der Gruppe kommen sich dabei gar nicht so staatsfeindlich vor, wie sie von der Stasi wahrgenommen werden. Sie wollen den Sozialismus, an den sie noch glaubten, zum Positiven ver\u00e4ndern, nicht st\u00fcrzen. Zun\u00e4chst.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Seine Wut.<\/strong> Die Geschichte eskaliert, als 1981 ein Freund Jahns, Matthias Domaschk in einer Zelle der Stasi zu Tode kommt, erh\u00e4ngt an einem Heizungsrohr. Mord oder Selbstmord? Ungekl\u00e4rt. Vieles deutet darauf hin, dass Domaschk mit Absicht oder aus Versehen von den Stasi-Leuten totgeschlagen und die Sache als Selbstmord vertuscht wurde. Die vier beteiligten Stasi- Offiziere, die es wissen m\u00fcssten,\u00a0 schweigen. \u00dcbrigens bis heute. Jahn und seine Freunde macht das ziemlich zornig. Sie geben keine Ruhe. Plakatieren die Todesanzeige n\u00e4chtens in der ganzen Stadt, auf Laternenpf\u00e4hlen, Telefonh\u00e4uschen, als stille Anklage. Auch ansonsten lassen sie sich den Mund nicht verbieten: Bei der Mai-Demo schmuggelt sich Jahn in die N\u00e4he der Trib\u00fcne, mit einer witzigen und zugleich anklagenden Verkleidung: Links ein Stalin-Schnauzer, rechts ein Hitlerb\u00e4rtchen. Immer wieder wird er vor\u00fcbergehend festgenommen, doch er l\u00e4sst sich nicht einsch\u00fcchtern. F\u00e4hrt als n\u00e4chstes mit einer polnischen Fahne am Rad durch Jena, Aufschrift: \u201eSolidarit\u00e4t mit dem polnischen Volk\u201c, der Schriftzug, der seit Jaruzelskis Milit\u00e4rputsch 1981 verbotenen polnischen Gewerkschaftsbewegung \u00bbSolidarnosc\u00ab. Jahn wird verhaftet und zu 22 Monaten Gef\u00e4ngnis wegen \u00bb\u00f6ffentlicher Herabw\u00fcrdigung\u00ab verurteilt. Einer jener Willk\u00fcrparagraphen, die die DDR zum Unrechtsstaat machten.<\/p>\n<p><strong>Sein Rauswurf.<\/strong> Er hat dabei noch Gl\u00fcck. Weil es international Proteste hagelt, vor allem von\u00a0 Amnesty International, wird er nach nur f\u00fcnf Monaten entlassen.\u00a0 Jahn organisiert illegale Friedensdemos, die letzte Mitte Mai 1983. Dann wird es SED und Staatssicherheitsdienst zu bunt. Auf direkte Anweisung von Stasi-Chef Erich Mielke wird Jahn am 8. Juni 1983 mit Gewalt in einen \u00bbInterzonenzug\u00ab gesteckt und so gegen seinen Willen abgeschoben. Es ist der spektakul\u00e4rste Fall von \u00bbAusb\u00fcrgerung\u00ab in den 80er Jahren.\u00a0 Der Fall sorgt im Westen f\u00fcr Aufsehen. \u201dJunger Deutscher mit Gewalt aus seiner Heimat abgeschoben\u201c, titelt die West-Berliner \u00bbB.Z.\u00ab.\u00a0 Doch bald ist auch wieder Ruhe. Damals, zeitgleich mit dem von CSU-Chef Franz Josef Strau\u00df eingef\u00e4delten Milliardenkredit an die DDR, gelten ostdeutsche B\u00fcrgerrechtler wie Jahn auch im Westen als St\u00f6renfriede f\u00fcr die Entspannungspolitik und den \u00bbWandel durch Ann\u00e4herung\u00ab, von dem viele westliche Politiker tr\u00e4umen.<br \/>\n<strong><br \/>\nSein Kampf.<\/strong> Auf Hilfe aus dem Westen braucht er also nicht zu hoffen, als er anf\u00e4ngt, mit anderen \u00bbAusgeb\u00fcrgerten\u00ab wie Schriftsteller J\u00fcrgen Fuchs von West-Berlin aus weiter Widerstand gegen die SED zu organisieren. Sie schmuggeln Druckmaschinen, Druckpapier, verbotene B\u00fccher und Zeitschriften in die DDR. Dann besorgt Jahn Video-Kameras, damals noch etwas besonderes, l\u00e4sst die Ger\u00e4te in die DDR schmuggeln und DDR-Oppositionelle als Kameraleute daran ausbilden. \u00bbSein\u00ab Team dreht heimlich Reportagen \u00fcber die Umweltzerst\u00f6rung im Braunkohletagebau, verfallene St\u00e4dte, die Unterdr\u00fcckung Andersdenkender. Die Aufnahmen werden in den Westen gebracht und finden ihren Weg ins Westfernsehen. In die ARD, die auch fast \u00fcberall in der DDR zu empfangen ist. \u00dcber diesen Umweg erreicht Jahns Kritik an der SED seitdem ein Millionenpublikum in Ostdeutschland.<br \/>\n<strong><br \/>\nSeine Feinde, seine Freunde.<\/strong> Jahn und Fuchs wissen, dass ihnen das MfS auf der Spur ist. Aber von dem gigantischen Aufwand, mit dem Mielkes Truppe sie verfolgt, ahnen sie nichts. Der \u00bbOperative Vorgang Weinberg\u00ab ist eine der gr\u00f6\u00dften Aktionen in der Geschichte der DDR-Staatssicherheit. Hunderte Offiziere sind beteiligt. Das MfS schickt Agenten nach West-Berlin, die sich in die Gruppe einschleusen sollen. Zahllose Telefone werden abgeh\u00f6rt. Gastst\u00e4tten, in denen Jahn und Fuchs verkehren, sind verwanzt, Spitzel sitzen am Tresen. 1986 explodiert vor der Wohnung von Fuchs in West-Berlin sogar eine von der Stasi gelegte Bombe. Das SED-Zentralorgan \u00bbNeues Deutschland\u00ab bringt Horrormeldungen \u00fcber die vermeintliche \u00bbAgentengruppe Fuchs\/Jahn\u00ab, die in Wirklichkeit nur ein Freundeskreis politisch aktiver junger Ostdeutscher ist, die sich nicht den Mund verbieten lassen wollen. Und die auch nicht bei West-Geheimdiensten \u201ean der Leine h\u00e4ngen\u201c. Sondern mit der gerade gegr\u00fcndeten Gr\u00fcnen Partei und ihrer Gr\u00fcnderin Petra Kelly sympathisieren, weil sie die einzige Westpolitikerin ist, die den B\u00fcrgerrechtlern auf Augenh\u00f6he begegnet. Und tatkr\u00e4ftig hilft. Die meisten Westpolitiker jener Zeit halten Oppositionelle wie Jahn entweder f\u00fcr verbohrte St\u00f6renfriede, oder f\u00fcr naive Tr\u00e4umer, die keine Chance h\u00e4tten, in der DDR etwas zu \u00e4ndern. Doch da t\u00e4uschen sie sich. Denn in einem System, das auf Propagandal\u00fcgen, die Verbreitung von Angst und die Unterdr\u00fcckung der Meinungsfreiheit setzt, ist nichts gef\u00e4hrlicher, als die ohne Angst und L\u00fcgen frei ausgesprochene Kritik. So treffen die per West-Fernsehen in der DDR verbreiteten Berichte eine der verwundbarsten Stellen des Regimes. Genau wie die Untergrundzeitungen, die in Ost-Berliner Kellern gedruckt werden.<\/p>\n<p><strong>Sein Erfolg.<\/strong> Montag, 9.Oktober 1989. Fast alle West-Korrespondenten mussten die DDR verlassen, die anderen werden scharf \u00fcberwacht. Kein westliches TV-Team schafft es noch, bis nach Leipzig zu kommen, wo es seit Wochen Montagsdemos gibt. Aber daf\u00fcr zwei der Kameraleute Jahns, Siegbert Schefke und Aram Radomski. Von einem Kirchturm aus filmen sie, wie 70\u2009000 Menschen \u00bbWir sind das Volk\u00ab skandieren. Nachts schmuggelt der \u00bbSpiegel\u00ab-Korrespondent Ulrich Schwarz das Video, versteckt in seiner Unterhose, in den Westen, zu Jahn, der es sofort an die ARD weiterreicht.<br \/>\nAls \u00bbTagesthemen\u00ab-Moderator Hans-Joachim Friedrichs unglaubliche Bilder aus der DDR ank\u00fcndigt, hat er nicht untertrieben. Via West-Fernsehen k\u00f6nnen nun alle sehen, was ihnen die SED und s\u00e4mtliche DDR-Medien verheimlichen: Dass der Widerstand gegen die Diktatur zur Massenbewegung geworden ist. Ermuntert dadurch gehen nun Menschen im ganzen Land auf die Stra\u00dfe. Die Initialz\u00fcndung zur friedlichen Revolution.<br \/>\nOhne Roland Jahn und seine Mitstreiter w\u00e4re es dazu vielleicht nie gekommen.<\/p>\n<div>Gerald Praschl<\/div>\n<div>*<\/div>\n<p><em>Von 1989 bis 2011 war Roland Jahn Redakteur beim ARD-Magazin \u00bbKontraste\u00ab. 1999 bekam er das Bundesverdienstkreuz. Am 28. 1. 2011 w\u00e4hlte ihn der\u00a0 Bundestag zum neuen Bundesbeauftragten f\u00fcr die Stasiunterlagen, als Nachfolger von Marianne Birthler, deren Amtszeit endet.<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>erschienen in SUPERillu 6\/2011 Um einen aufm\u00fcpfigen Studenten loszuwerden, schiebt die DDR 1983 den jungen Jenaer Roland Jahn gegen seinen Willen in den Westen ab. Doch der Th\u00fcringer l\u00e4sst nicht locker. 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