define('DISALLOW_FILE_EDIT', true);
define('DISALLOW_FILE_MODS', true);{"id":889,"date":"2010-04-28T01:00:45","date_gmt":"2010-04-27T23:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/geraldpraschl.de\/?p=889"},"modified":"2016-04-28T01:01:20","modified_gmt":"2016-04-27T23:01:20","slug":"superillu-und-20-jahre-pressefreiheit-im-osten-deutschlands","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geraldpraschl.de\/?p=889","title":{"rendered":"SUPERillu und 20 Jahre Pressefreiheit im Osten Deutschlands"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-890\" src=\"https:\/\/geraldpraschl.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/SUPERillu_Titel_Platzek-233x300.jpg\" alt=\"SUPERillu_Titel_Platzek\" width=\"233\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/geraldpraschl.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/SUPERillu_Titel_Platzek-233x300.jpg 233w, https:\/\/geraldpraschl.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/SUPERillu_Titel_Platzek.jpg 465w\" sizes=\"auto, (max-width: 233px) 100vw, 233px\" \/>Oktober\u00a02009. Ein &#8222;stilles Jubil\u00e4um&#8220;. \u00a0SUPERillu feiert nicht nur 20 Jahre friedliche Revolution in Ostdeutschland. Sondern auch die tausendste Ausgabe. \u00a0Die letzten Zeilen f\u00fcr die tausendste Ausgabe von SUPERillu habe ich gerade vor einigen Stunden ins System getippt. Ein Text \u00fcber die bewegende Feier zum 20sten Jahrestag der ber\u00fchmten Leipziger Montagsdemo, die damals als \u201eTag der Entscheidung\u00ab in die Geschichte einging.\u00a0Die Menschen demonstrierten damals f\u00fcr ein offenes Land, f\u00fcr die Freiheit. F\u00fcr die Reisefreiheit. Und auch f\u00fcr die Meinungs- und Pressefreiheit. Ohne die Montagsdemos und die friedliche Revolution von 1989 in der DDR w\u00fcrde es keine SUPERillu geben. Wie es damals anfing, lesen Sie hier.<\/p>\n<p>\u00bbF\u00fcr ein offenes Land mit freien Menschen\u00ab, stand auf dem ersten Plakat, auf der ersten Leipziger Montagsdemo, am 4. September 1989. Zwei junge Frauen, Gesine Oltmanns und Katrin Hattenhauer hatten nur wenige Sekunden, um es in die Kameras der West-Presse zu halten, bevor Staatssicherheitsleute es ihnen entrissen. Aber diese Sekunden reichten, die Bilder gingen um die Welt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Noch mehrmals in diesem Schicksalsherbst 1989 wurden die Journalisten, vor allem nat\u00fcrlich die Kollegen vom \u00bbWest-Fernsehen\u00ab, von Chronisten zu Hauptakteuren. Zum Beispiel, als die ostdeutschen B\u00fcrgerrechtler Siegbert Schefke und Aram Radomski es schafften, Fernsehbilder vom \u201eTag der Entscheidung\u201c, der Leipziger Montagsdemo vom 9. Oktober 1989, zu drehen und diese Bilder, ausgestrahlt schon tags darauf in der ARD, hunderttausenden DDR-B\u00fcrger Mut machten, auch auf die Stra\u00dfe zu gehen. Vom 9. November 1989 ganz zu schweigen, von dem man heute wei\u00df, dass die Pressemeldung vom angeblichen Mauerfall zur selbsterf\u00fcllenden Prophezeiung wurde.<\/p>\n<p>Das hat mal wieder gezeigt, dass freie Medien ganz sch\u00f6n viel bewegen k\u00f6nnen. Nicht nur f\u00fcr die Reise- und Meinungsfreiheit, sondern eben auch f\u00fcr die f\u00fcr uns Journalisten so wichtige Pressefreiheit haben die Montagsdemonstranten damals gek\u00e4mpft. Mir selbst, 1968 im \u00bbWesten\u00ab geboren, waren diese Freiheiten lange Zeit eine v\u00f6llige Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Dass sie das eben nicht sind, habe ich als typischer Vertreter der westdeutschen \u201eNutella-Generation\u201c erst reflektiert, als ich im Sp\u00e4therbst 1989 als junger Journalist zum ersten Mal in den Osten Deutschlands kam, wo die Menschen gerade um diese Freiheiten gek\u00e4mpft hatten.<\/p>\n<p>Als wir im Fr\u00fchjahr 1990 in einer improvisierten Redaktion in einigen Zimmern des l\u00e4ngst abgerissenen Ost-Berliner Palasthotels anfingen, uns Gedanken dar\u00fcber zu machen, was in der neuen Superillu drin stehen soll, war die von den Montagsdemonstranten errungene Freiheit gerade mal ein halbes Jahr alt. F\u00fcr mich und andere Kollegen, die damals aus Westdeutschland kamen, war der \u201ewilde\u201c Osten genauso aufregend, wie f\u00fcr meine neuen ostdeutschen Kollegen der Westen, der gerade \u00fcber sie hereinbrach.<\/p>\n<p>Einige waren selbst Verfolgte des SED-Regimes gewesen. Andere hatten noch wenige Monate zuvor in den Redaktionen der SED-Zeitungen gearbeitet, f\u00fcr die \u201eWest-Verlage\u201c wie Burda oder Springer die \u201eFeindpresse\u201c waren, \u201eKampforgane des Klassenfeindes\u201c. Geglaubt hat diese hohle SED-Propaganda sicher kaum ein Journalisten-Kollege, im Regelfall noch nicht mal die, die sie selbst zu Papier brachten. Und auch sicher kaum einer der Leser dieser Bl\u00e4tter. Aber eine gewisse Distanz und ein gewisses Misstrauen zwischen uns war sp\u00fcrbar. Da fiel, nach 28 Jahren Mauer und 40 Jahren deutscher Teilung, schnell auf, wie wenig wir eigentlich voneinander wussten.<\/p>\n<p>\u201eAufregend frei\u201c, war der Claim der ersten Superillu-Ausgabe, die in den letzten Wochen der DDR erschien. Die erste Ausgabe lag am Morgen des 23. August 1990 am Kiosk. Wenige Stunden zuvor, nachts um drei, hatte die DDR-Volkskammer den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik beschlossen.<\/p>\n<p>Aufregend abenteuerlich waren die Produktionsbedingungen. Nach den ersten Wochen, in denen die Redaktionskonferenzen in engen Hotelzimmern stattgefunden hatten, waren wir heilfroh, im Geb\u00e4ude der einst linientreuen DDR-Presseagentur ADN einige freigewordene B\u00fcror\u00e4ume ergattert zu haben. Aus denen wehte der Eishauch der Geschichte. Hier sa\u00dfen noch ein dreiviertel Jahr zuvor die \u201eBetriebsparteiorganisation\u201c der SED und Stasi-Leute, die sich mit der \u00dcberwachung der Kollegen einige Stockwerke tiefer besch\u00e4ftigt hatten.<\/p>\n<p>Die ersten SUPERillu-Hefte war damals 70 Seiten dick, kosteten eine Mark. Was stand drin? Durchaus kritischer, harter Journalismus. Schlagzeilen aus einer Dezemberausgabe 1990: \u201eAlte Seilschaften in Ost-Betrieben \u2013 Warum ist unser neuer Chef immer noch der alte?\u201c \u201eS\u00fchne f\u00fcr den Stasi-Doppelmord\u201c, \u201eBraunkohlebagger \u2013 Lasst unser Dorf weiterleben!\u201c Aber auch handfeste Erotik, in den dr\u00f6gen von der Parteilinie bestimmten DDR-Medien 40 Jahre ein Tabu-Thema: \u201eSo mache ich ihm wieder Lust auf Liebe.\u201c Aufregend frei eben. Und aufregend erfolgreich. Von der ersten Ausgabe an war SUPERillu die meist verkaufte Zeitschrift im Osten.<\/p>\n<p>Die Erotik wird man heute in SUPERillu vergeblich suchen. Aber an vielen Punkten z\u00e4hlt auch heute noch das Erfolgsrezept von 1990. Kritischer Journalismus, Alltagsreportagen auf Augenh\u00f6he. Ein umfangreicher Ratgeberteil, der unseren Lesern Lebenshilfe bietet. Auch Stars, bewusst auch mit einer Betonung auf \u00a0Stars, die aus Ostdeutschland stammen, spielen heute eine wichtige Rolle. Nicht wenige dieser vermeintlichen &#8222;Oststars&#8220; schafften \u00fcbrigens ihren gesamtdeutschen Durchbruch.<\/p>\n<p>Mir und vielen meiner Redaktionskollegen war es dabei auch immer wichtig, Berichten \u00fcber die dunkelsten Seiten der DDR-Vergangenheit viel Raum einzur\u00e4umen. Es ist ein qu\u00e4lendes Thema, \u00fcber das wir aber trotzdem dringend reden m\u00fcssen. Auch heute, 20 Jahre sp\u00e4ter. Besonders qu\u00e4lend waren nat\u00fcrlich Diskussionen \u00fcber die Stasi-Vergangenheit. Dass hie\u00df f\u00fcr uns zum Beispiel, auf der einen Seite auch mit Hilfe der Stasi-Akten aufzukl\u00e4ren, welche Politiker, Journalisten oder sonstige gesellschaftlich relevante Menschen einst f\u00fcr die DDR-Staatssicherheit gespitzelt haben. Andererseits genau jenen, denen solche Vorw\u00fcrfe gemacht werden, ein faires und offenes Gespr\u00e4chsangebot zu machen. Ein Forum f\u00fcr eine offene Diskussion in oft unklarer \u00bbGefechtslage\u00ab zu sein, das war und ist hier unser Bem\u00fchen.<\/p>\n<p>Offene, lange Diskussionen f\u00fchrte ich sogar mit jenen, die f\u00fcr die SED-Diktatur ma\u00dfgeblich verantwortlich waren. Mit Ex-SED-Chef Egon Krenz zum Beispiel, Stasi-General Schwanitz und anderen hohen Stasi-Offizieren. Bei den meisten hatte ich den Eindruck, dass sie im Stillen durchaus nachdenklich sind. Sich aber sehr schwer tun, \u00f6ffentlich f\u00fcr etwas um Verzeihung zu bitten. Oder gar zuzugeben, dass es sogar ihnen, den einst Privilegierten, heute mit (West-) Rente, Meinung- und Reisefreiheit viel besser geht als fr\u00fcher. Das kann dann schon mal w\u00fctend machen.<\/p>\n<p>Bewegend waren dagegen f\u00fcr mich immer wieder die Begegnungen mit den Ostdeutschen, die mit ihrem Mut und ihrer Zivilcourage mit dem verlogenen, kriminellen und maroden SED-Staat 1989 Schluss gemacht haben. B\u00fcrgerrechtler, Montagsdemonstranten, Runde-Tisch-Aktivisten oder Stasidienststellen-St\u00fcrmer. Wie mutig waren sie, wenn ich mir auf der anderen Seite \u00fcberlege, dass ich im selben Herbst 1989 als Westler schon bibberte, wenn mich einer dieser zackig-unfreundlichen DDR-Grenzer in Rudolphstein mal herauswinkte? Obwohl ich nicht, wie ein DDR-\u201eB\u00fcrger\u201c, dem Stasi-Apparat rechtlos ausgeliefert war, sondern einen dicken West-Pass in der Tasche hatte, der mich vor diesen Leuten sch\u00fctzte?<\/p>\n<p>Ganz bewusst hat sich Superillu auch auf die Fahnen geschrieben, dar\u00fcber zu berichten, was sich dank der gemeinsamen Anstrengung von Ost und West in 20 Jahren deutscher Einheit positiv entwickelt hat. \u00dcber gro\u00dfe Erfolge, zum Beispiel von Unternehmern, aber auch \u00fcber die kleinen Tr\u00e4ume, die sich f\u00fcr viele Menschen aufgrund ihrer eigenen Leistung, aber auch dank der nach dem Ende des Sozialismus endlich viel besseren Rahmenbedingungen erf\u00fcllt haben. Auch gute Nachrichten sind Nachrichten. Was daran \u00bbOstalgie\u00ab sein soll, wei\u00df ich nicht. Oder ist es \u00bbOstalgie\u00ab, aus den \u00f6stlichen Bundesl\u00e4ndern nicht nur im Zusammenhang mit vorhandenen oder auch manchmal \u00fcbertrieben dramatisch dargestellten Problemen zu berichten?<\/p>\n<p>Alles in allem, und das kann niemandem entgehen, hat der wirtschaftliche Neuanfang funktioniert, und die \u00bbbl\u00fchenden Landschaften\u00ab tragen trotz aller Miesmache l\u00e4ngst viele gro\u00dfe Fr\u00fcchte. Eine Leistung, auf die vor allem die Ostdeutschen stolz sein k\u00f6nnen, denn sie hatten einen Gro\u00dfteil der Belastungen aus 40 Jahren deutscher Teilung und aus zwanzig turbulenten und zum Teil sehr schweren Wiederaufbaujahren zu tragen. Ein selbst erarbeiteter Wohlstand, der zusammen mit dem Stolz auf die selbsterk\u00e4mpfte Freiheit vielen Ostdeutschen auch endlich wieder das Selbstbewusstsein gegeben hat, dass f\u00fcr eine Begegnung und ein Zusammenwachsen \u00bbauf Augenh\u00f6he\u00ab mit dem Westen so unentbehrlich ist. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn das langsam auch im Westen auffiele.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oktober\u00a02009. Ein &#8222;stilles Jubil\u00e4um&#8220;. \u00a0SUPERillu feiert nicht nur 20 Jahre friedliche Revolution in Ostdeutschland. Sondern auch die tausendste Ausgabe. \u00a0Die letzten Zeilen f\u00fcr die tausendste Ausgabe von SUPERillu habe ich gerade vor einigen Stunden ins System getippt. 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